Monatsarchiv: März 2008

Leseprobe aus „Mondkalb-Zeitschrift für das organisierte Gebrechen“ 1/2008

Der Sauerstoffaufzug – von Marie Gronwald

Ein kleiner gedanklicher Ausflug in eine barrierefreie Welt, wie sie in 50 Jahren aussehen könnte

Schon als Kind wollte ich Schriftstellerin werden, so berühmt, wie Astrid Lindgren, die übrigens im letzten Jahr ihren hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, aber das nur nebenbei erwähnt. Ich dachte mir Geschichten aus. Darunter war auch eine über ein Rollstuhldorf, ein Dorf, ungefähr so groß wie ein typisches Brandenburger Kleinstadtdorf, indem alle Bewohner im Rollstuhl saßen. Das ganze Dorf war barrierefrei gebaut worden. Es gab überall Rampen und abgesenkte Bordsteine, kein Kopfsteinpflaster und funktionstüchtige, geräumige Aufzüge. Aber letztere waren in der Architektur meines Dorfes, nur vereinzelt zu finden, da ohnehin beinahe jedes Gebäude so flach gebaut war, dass Aufzüge nicht nötig waren. – Wie wäre so eine Welt, so ein Dorf oder eine Stadt, in der es keine Barrieren für Menschen mit Behinderungen gibt, wirklich?
Ich werde im Folgenden ein kleines Gedankenexperiment, eine kurze Reise in diese Welt unternehmen, die es noch nicht gibt, aber vielleicht einmal geben könnte. Wenn Sie als Leser Lust haben, mich auf dieser Reise zu begleiten, sind Sie nun herzlich eingeladen, weiter zu lesen.
Wir befinden uns nun im Jahr 2058, es ist Winter, Montagmorgen und auf Grund der Klimaerwärmung so warm wie früher im Frühling. Ich bin in unserem Gedankenexperiment immer noch Studentin, was hoffentlich in fünfzig Jahren nicht der Realität entsprechen wird, aber ich denke, es ist leichter, mir auf diese Weise zu folgen. Sie begleiten mich heute ein Stück durch meinen Tag. Ich bin auch in jener Welt auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, denn der Fahrdienst der Stadt wurde aus Kostengründen und als überflüssiger Posten schon vor Jahren abgeschafft, aber ich habe ihn auch damals schon ungern und selten genutzt. Sie fahren also mit mir im Bus und der U-Bahn in die Universität. Im Bus und auf den Straßen, sowie in öffentlichen Gebäuden sind akustische und taktile Leitsysteme für Blinde und Gehörlose installiert. Der Aufzug, den wir benutzen, ist aus Glas, das streifenfrei geputzt ist. Er ist leer und fährt deswegen schnell auf den Bahnsteig, da er wegen vieler anderer vorhandener Aufzüge nicht mehr so häufig frequentiert werden muss. Auch der in ihnen vor Jahren noch vorherrschende leichte bis unerträgliche Uringeruch hat sich mit den Jahren, in denen diese Welt existiert, in Luft aufgelöst. Die U-Bahn hat die Lücke zwischen Bahnsteigkante und Bahn durch eine kleine elektrisch ausfahrbare Rampe geschlossen und so gelingt es mir, ohne Erschütterung in die U-Bahn einzusteigen. In der Bahn sind auf dem Boden Verankerungen eingelassen, die mich in meinem Rollstuhl fest und sicher stehen lassen.

Der vollständiger Artikel ist nachzulesen unter:

Mondkalb – Zeitschrift für das organisierte Gebrechen

http://awan.awan.de/mondkalb2/index.php?id=40

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