Monatsarchiv: Juni 2008

Mondkalb Interview: „Ein juter Mensch – einfach ausgedrückt“

Interview mit J, einem Callboy, der behinderten Frauen seine Dienste anbietet

Mondkalb: Wie bist du zu deinem Job als Callboy gekommen?
J: Ich hatte ne Annonce als Callboy in der „Tip“ und da kamen ne Menge Frauen auf mich zu und da habe ich gemerkt, dass das nicht meine Welt ist. Die hatten Wünsche und Vorstellungen, die ich nicht gut finde. Da habe ich die Anzeige fallen gelassen. Zwei, drei Monate später hat M. mich angerufen und hat mich gefragt, ob ich schon mal über Arbeit mit Behinderten nachgedacht habe. Ich hab mich mit ihm getroffen und hab mir darüber Gedanken gemacht und fand det allet super jut, moralisch einwandfrei. Ja, so bin ich da ran gekommen.Mondkalb: Wie kann man Kontakt zu dir aufnehmen?
J: Bei M. ist ein Anrufbeantworter eingerichtet, da kann man eine Nachricht und seine Telefonnummer hinterlassen (030-68237422). Dann rufe ich zurück. Dann machen wir einen Termin aus. Der Termin ist unentgeltlich. Man trifft sich erstmal, wechselt ein paar Worte, wenn möglich. Oder man berührt sich und schaut, wie man sich dabei fühlt. Und dann hat die Frau auch die Wahl ob se sich dann irgendwie gut dabei fühlt oder nicht. Und dann kommt noch mal ein Anruf auf den Anrufbeantworter und dann macht man einen Termin aus.Mondkalb: Wie laufen deine „Sitzungen“ ab?
Ich muss dazu sagen, die meisten wollen, dass ich mit ihnen schlafe. Das mach ich nicht. Und dann gibt es Menschen, die wollen, dass ich grob bin. Ich hab irgendwie festgestellt, dass es wichtig ist, dass ich Distanz halte. Ja. Weil sonst kommt das Problem, „also ich hätt dich gern zum Freund.“ Und deswegen gibt’s meine Telefonnummer nicht, weil der Ein oder Andere hat dann Lust, mich zweimal am Tag anzurufen und möchte mit mir übers Leben reden und da halt ich mich natürlich bedeckt. Also ich bin nicht bereit, den Freund zu ersetzen. Also was ich mache: Ich mach erotische Massagen, arbeite mit Werkzeugen, also mit Vibratoren und Dildo. Mit Ölen arbeite ich, schön lecker. Sowas in der Richtung.

Mondkalb: Kein Sex?
J: Keine Penetration.

Mondkalb: Macht es für dich einen Unterschied, ob du mit einer behinderten oder nicht behinderten Frau arbeitest?
J: Also, ob die behindert ist oder nicht, das macht für mich keinen Unterschied.
Also, ich muss dazu sagen, ich halt mich da emotional raus. Ich verrichte meinen Dienst nicht für mich, sondern da geht’s dann um den Menschen, der dann schöne Gefühle haben will, der Sexualität spüren möchte. Das ist nicht meine Sache. Meine Sexualität lass ich da außen vor. Es gibt auch keine Erregung in mir. Also, ich bin auch nicht gleichgültig. Ich bin den Menschen gegenüber einfach gut eingestellt.

Mondkalb: Bereitest du dich auf die Behinderung deiner Kundin vor? Zum Beispiel eine Frau, die eine Querschnittslähmung hat, da muss man doch vermutlich ganz anders herangehen, weil die ja ab einem gewissen Punkt körperliche Berührungen nicht merkt. Oder eine Frau die eine Spastik hat. Da kannst du einen Spasmus auslösen, wenn du das Falsche mit ihr machst…
J: Also, ich nehm ja den Menschen wahr. Wenn ich jemand berühre, dann spür ich ja, was kommt… Wenn ich den Kopf anfasse oder die Hände oder die Brust oder die Beine oder wie auch immer, kommt ja was zurück. Ja. Und dementsprechend entwickelt sich der Kontakt weiter. Also, ich hab da keine vorgefertigten Muster, sondern von Mensch zu Mensch individuell.
Mondkalb: Wie verläuft dein Vorbereitungsgespräch?
J: Wie gesagt, unentgeltlich, wo man sich austauschen kann, wo man grundlegende Sachen abklärt, wo man halt schaut, wie sich die Sache anfühlt. Geht es oder passt‘s nicht zusammen. Ja. So.

Mondkalb: Gibt es außer dir noch andere Callboys, die diesen Dienst anbieten?
J: Die denselben Dienst anbieten? Kenn ich nicht.
Also, ich denke, mit den Jahren hat sich bei mir so… also ich bin auch noch Lebensberater… Und mit den Jahren hat sich bei mir gezeigt, dass ich sozial veranlagt bin. Zu Menschen gut gesinnt, sach ich mal. Also, die Leute sagen zu mir, ich bin Philantrop, Menschfreund. Die Zeit, wo ich mit dem Milieu Kontakt hatte… Also, da sind ganz andere Energien am Start. Also ich denke die Callboys an sich suchen auch Befriedigung für sich selbst mit. Das ist ja bei mir nicht der Fall.

Mondkalb: Warum arbeitest du als Callboy?
J: Also, ich glaube in Holland und in England wird das ja von der Krankenkasse finanziert, und ich denke, das ist ein ganz normales Grundbedürfnis vom Menschen, Sexualität zu erleben und ich hab mich damals nur gefragt, warum ist das hier nicht so? Also, hier kümmert sich ja nicht wirklich jemand… Es gibt Gespräche ohne Ende… Aber dass man das mal in die Tat umsetzt… Dann kann man dann halt nur mit dem Milieu Kontakt aufnehmen. Weiß ich nicht, ob das für jeden Menschen so das Richtige ist. Da fehlt mir so ein bisschen das saubere Miteinander. Die emotionale Ehrlichkeit. Is mir zu abgedroschen. Da dachte ich mir, da kann man doch… Da fühl ich mich doch ganz gut für, weil ich mich da eben nicht so abgedroschen fühle.

Mondkalb: Wie lange arbeitest du schon als Callboy?
J: Das vierte Jahr.

Mondkalb: Weiß dein Umfeld, was du machst?
J: Ja. Die finden das alles sehr gut. Die freun sich, dass ich so bin. Ja. Die fragen sich dann zum Beispiel, wie ich damit klarkomme oder was ich mir dabei denke? Aber womit soll ich da klarkommen oder was soll ich mir da denken? Für mich gibt’s da nix zu denken. Für mich gibt’s da auch nichts, womit ich da klarkommen müsste. Manche glauben von sich selbst, sie könnten das nicht.

Mondkalb: Was heißt es für dich, deinen Job auszuüben?
J: Ein juter Mensch. Einfach ausgedrückt.

Mondkalb: Haben deine Kundinnen Angst vor körperlicher Nähe? Und wenn ja, wie versuchst du die abzubauen?
J: Also, ich sorge erstmal dafür, dass es einen energetischen Fluss gibt. Also Hände berühren. Sexualität erstmal in Ruhe lassen. Ich bin da energetisch veranlagt. Ich denke, das hat was mit Schwingung zu tun. Ängste kann man abbauen, indem man entspannt bleibt, indem man nichts will. Wenn ich merke, dass der Mensch sich zu macht – das ist eine große Energie, die merkt man –, dann lässt man das auch erstmal. Dann kann man ein paar Worte wechseln… „Vielleicht brechen wir lieber ab für heute…“, wie auch immer.

Mondkalb: Du redest mit deinen Kundinnen vorher?
J: Ja, Grundlage. Aber ich hatte auch schon mit Menschen Kontakt, die nicht sprechen konnten und die auch nicht schreiben konnten.

Mondkalb: Und wie läuft das ab?
J: Rein auf emotionaler Ebene: Kontakt aufnehmen, spüren, Ablehnung, Anziehung. Man merkt ja: Ja oder Nein… Das kann man spüren.

Mondkalb: Was kostet dein Dienst?
J: Mit meinem Preis bin ich noch nicht ganz glücklich. Also, ich bin jetzt momentan bei ner Stunde 50 Euro. Und ich glaub, da bin ich unter meinem Wert. Aber das ist erstmal mein Preis.

Mondkalb: In Deutschland wird das nicht von den Kassen gezahlt…
J: Ich denke, da gibt’s noch ne Menge zu tun hier. Ich wünsch mir da manchmal ne Organisation von Männern, wo ich dann sagen würde, nehmen wir das doch mal unter die Lupe…
Interview: Marie Gronwald

http://awan.awan.de/mondkalb2/index.php?id=41

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Projekt: "Mondkalb - Zeitschrift für das organisierte Gebrechen", Veröffentlichungen