Monatsarchiv: Januar 2009

Leseprobe aus „der schöne Schein des Lächelns“ 2009

Hilfe, die Vampire kommen! – von Maire Gronwald

Tzzss! Tzzss! Tzzss! – Ich schließe die Augen. Bitte nicht! Warum immer ich? Es ist doch noch viel zu kalt hier in Berlin! Bitte, bitte, bitte nicht! Ich versuche meine Hände zu bewegen. Sie sind starr und unbeweglich. Ich will, dass das, was sich soeben auf meine Hand gesetzt hat, verschwindet. Ich sitze doch erst seit zehn Minuten vorm Haus im Vorgarten, um mich ein bisschen vorzubräunen, denn die Sonne scheint trotz der nur 18 Grad Temperatur angenehm warm. Warum muss das ausgerechnet dann passieren, wenn ich mal draußen in der Sonne sitze? Meine Assistentin wird mich in zwanzig Minuten wieder ins Haus bringen. Heute ist der letzte Abend mit Assistenz, denn im Urlaub werde ich drei Wochen lang eine assistenzfreie Zeit haben und mal wieder von meiner Mutter versorgt. Ich freue mich schon sehr darauf. Es wird kühler. Ich spüre den Wind an meinem Arm. Oder ist das etwa schon die Stechmücke? Ich halte den Atem an. Erst in zwanzig Minuten, da kann alles schon zu spät sein! Ich muss unbedingt an etwas anderes denken. Vielleicht wird es dann ja gar nicht so schlimm. Urlaub in Thailand ja genau das ist gut! Tzzss… In 15 Stunden werde ich mit meinen Eltern in den Urlaub fliegen. Nach Thailand. Ich freue mich schon wahnsinnig: hervorragendes Essen, äußerst angenehme Temperaturen und freundliche Menschen. Drei Wochen Entspannung: lesen, schlafen, beobachten (und wahrscheinlich auch beobachtet werden), erleben und essen, einfach köstlich, beinah göttlich! Mit neun Jahren war ich schon mal in Thailand. Meine Großeltern hatten uns eingeladen, denn mein Großvater hatte früher dort eine Zeit lang gearbeitet. Es war der beeindruckendste und schönste Urlaub, den ich bis jetzt erlebt habe. Und ich bin schon sehr viel und an die unterschiedlichsten Orte gereist. Thailand wird bestimmt auch diesmal wieder wunderschön, wie ein Traum! Nur auf einen Erlebnis könnte ich, wie in jedem Sommerurlaub oder bei jeder Reise in wärmere Gebiete, verzichten: auf lebende Vampire. Für andere Leute sind sie nur eine lästige Plage. Für mich sind sie schreckliche, penetrante, Blut saugende Ungeheuer, gegen die ich beinah immer machtlos bin, denn… sie nehmen mich ins Visier – riechen wahrscheinlich schon von Weitem mein süßes Blut, beziehungsweise, meinen süßen Schweiß – nähern sich langsam, wenn sie merken, dass ich regungslos wie ein spitzer Fels­block bin und fliegen dicht an meinem Ohr vorbei, mit diesem furchtbaren Geräusch in unerträglich hoher Frequenz, das immer lauter wird und mich vollends erstarren lässt: Tzzzssss! Plötzlich ist es sehr still. Doch dann ist es bereits zu spät: Die Mücke kitzelt mich. Oder ist es vielleicht doch nur der Wind, der die Härchen meines Arms leicht hin und her bewegt? Der Wind wäre nicht sichtbar, greifbar, würde nicht stehen bleiben, an einer Stelle verhar­ren, mich nicht angucken. Die Mücke hat sich auf meinen Arm gesetzt; direkt vor meinen Augen. Auf eine dicke, blaue Ader, die durch mein Erschre­cken und die Spastik nun deutlich hervortritt. Sie kitzelt mich. Ich strecke mich ruckartig nach hinten. Mein Arm geht mit. Die Mücke auch. Auf ihm. Sie ist immer noch mit Tasten beschäftigt, gelassen und furchtlos. …

Mitteilungen des Westkreuz Druck- und Verlaghauses Berlin/Bonn Nr. 1 2009
Vorabdruck einer Geschichte aus dem Buch „Der schöne Schein des Lächeln

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