Monatsarchiv: November 2012

Buchkritik zu „Mein Schutzengel ist ein Anfänger“

Auch ein Schutzengel darf zweifeln

Mein Schutzengel ist ein Anfänger – Eine wahre Geschichte vom Trösten und getröstet werden (Maximilian Dorner)

In seinem mittlerweile sechsten Buch macht sich der Schriftsteller Maximilian Dorner auf die Suche nach Trost und Hoffnung. Der an Multiple Sklerose erkrankte Autor schreibt über seine Krankheit und diverse Heilungsversprechen und Angebote, die ihm gemacht werden; von Sport bis zum Handauflegen auf einer Party über die Lektüre eines Buches bis zum Einnehmen von Blumendünger. Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck haben, dass es sich hier um religiöse Schicksals-Betulichkeit und verzweifelte schriftliche Heilungsversuche handelt. Doch das besondere an diesem Buch ist nicht unbedingt sein Thema sondern es ist der Aufbau und die Art wie es geschrieben wurde.

Mehrstimmigkeit wird zum Gestaltungsprinzip

Das Buch beginnt mit 36 Einsichten eines Schutzengels und wer jetzt glaubt, er habe sich einen esoterischen Lebensratgeber angeschafft, der irrt Gott sei Dank. Denn die 36 Schutzengel-Einsichten weisen auf das Gestaltungsprinzip des Romans hin. Erzählt werden Alltagsbegebenheiten von Max, dem Alter Ego von Maximilian Dorner, der sich mit Zahnpastaflecken, zu engen Zugtoiletten und kaputten Rollstuhlreifen durchs Leben schlägt, beziehungsweise schreibt. Erzählt werden diese Alltagsbegebenheiten in dritter Person und im Präsens, was gleichermaßen eine Direktheit des Erlebten aber auch eine angenehme Distanz zum Autor bewirkt, so dass man sich als Leser gut in viele der Situationen hineinversetzen kann. Unterbrochen oder besser ergänzt werden diese – manchmal sehr humorvollen oft auch skurrilen Erfahrungen – durch den Schutzengel von Max, der den Job übernommen hat, ihn durch sein Leben zu begleiten. Er verzweifelt häufig schier daran, wenn sein Schützling zum Beispiel – obwohl er weiß, dass er wegen seiner gelähmten Beine nicht mehr schwimmen kann – beschließt im Teich einer Freundin zu baden. Dieser großartig literarisch umgesetzte Trick bewahrt das Buch und auch seinen Schöpfer davor, zu sehr in den Verdacht zu geraten einen vor Schicksal und Hoffnungslosigkeit triefenden Erfahrungsbericht über Krankheit und Glauben geschrieben zu haben.

Maximilian Dorners Roman ist eine sehr pointiert und in klaren Sätzen geschriebene Skurilitätensammlung über das Leben eines Menschen, das sich durch eine Krankheit massiv verändert hat. So beschreibt er zum Beispiel den Heilungsversuch einer Dame, die ihn auf einer Party durch Handauflegen wieder gesund machen will. Der Heilungsversuch scheitert und die Dame beschwert sich nachdem Max ihre Einladung zum Tanzen abgelehnt hat „Sie müssen es selbst wollen, gesund werden wollen! Nur Sie.“

Maximilian Dorner leidet nicht, er hofft nicht und er klagt nicht an und wenn er doch einmal kurz in Versuchung gerät bremst ihn sein Schutzengel abrupt und mit sehr viel schwarzem Humor gekonnt aus. Maximilian Dorners neues Buch ist eine Lektüre für alle, die das Leben gleichermaßen lieben aber auch das Gefühl kennen, sich und alle guten Ratschläge manchmal unter der Decke verstecken zu wollen. Aber nicht zu lange, denn so ein Schutzengel sieht und hört ja alles.

 

Marie Gronwald

 

Verlag: Knaus Verlag

Preis: 17,99 €

Buchtitel: Mein Schutzengel ist ein Anfänger

Seitenzahl: 224 Seiten

Homepage: http://www.maxdorner.de/

 

Termine:

22. November, 19.30 Uhr, Grafing, Bücherstube Slawik, Jahnstr. 5, Lesung aus „Mein Schutzengel ist ein Anfänger“

12. Dezember, 19 Uhr München, vor der Metzstr. 31, Erste richtige Haidhausener Fensterlesung mit Fridolin Schley und Alex Rühle und Glühwein

 

http://awan.awan.de/normalistan/index.php?id=14

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Eingeordnet unter Projekt: "Mondkalb - Zeitschrift für das organisierte Gebrechen"

Behindert und Baby?

Letzte Woche habe ich mich mit einer Freundin im Café getroffen. Sie hatte den Vormittag frei, da ihr kleiner Sohn jetzt die Kita besucht. Wenn ich überlege, waren in diesem Jahr viele meiner Freundinnen schwanger oder sind Mütter geworden.

Ich weiß von Freundinnen, die keine Kinder haben, dass sie in Anwesenheit frisch gebackener Mütter oft den Satz hören: „Na, bekommst du da nicht auch Lust auf so was Kleines?“ Die Befragten sind dann genervt und überfordert, weil sich in der Welt frisch gebackener Mütter alles nur um das Kind und die neue Rolle der Mutter zu drehen scheint. Ich habe diese Frage noch nicht gestellt bekommen.

Kann eine Frau wie ich ein Kind bekommen und Mutter sein?

Seit meiner Geburt sitze ich im Rollstuhl. Ich habe eine Spastik und kann meinen Körper nur unkontrolliert und minimal bewegen. Das sind medizinisch nicht gerade ideale Voraussetzungen für eine Schwangerschaft, eine Geburt und die Rolle einer Mutter. Aber ich glaube diese Gedanken sind nicht der Grund, warum mir die Frage nach dem eigenen Kinderwunsch nicht gestellt wird. Es liegt daran, dass das sehr eng mit der Rolle der Frau und die Sicht auf Weiblichkeit in der gesellschaftlichen Vorstellung verknüpft ist. Eine Frau mit einer körperlichen Beeinträchtigung ist in erster Linie eine Frau mit einer Behinderung und erst dann eine Frau. Sie wird nicht als potentieller Beziehungspartnerin oder Mutter für die möglichen Kinder wahrgenommen. Sie ist, wie auch in Bezug auf Liebe, Sexualität und Partnerschaft, geschlechtslos und wird eher selten mit dem Gedanken an Kinder, Schwangerschaftsbauch oder einem Kinderwunsch in Verbindung gebracht. Bis jetzt sind meine Überlegungen nur theoretisch, und ich bin noch sehr weit davon entfernt, sie in nächster Zukunft in die Tat umzusetzen. Aber in Anbetracht der vielen Kinder um mich herum kommt mir immer häufiger die Frage nach meiner Rolle als Mutter mit einer Behinderung in den Sinn und die praktische Umsetzung oder Konsequenzen für mich und mein Kind.

Die biologischen Voraussetzungen sind gegeben

Rein biologisch und gesundheitlich wäre ich dazu im Stande, ein Kind auszutragen und per Kaiserschnitt auch zu bekommen. Ein Kaiserschnitt, eine Operation, wäre nötig wegen meiner Spastiken. Der Arzt, den ich vor einiger Zeit aus Neugier gefragt habe, hat mir gesagt, dass ich wahrscheinlich während der Schwangerschaft viel liegen und das Kind mit einem Kaiserschnitt früher geholt werden müsste. Aber sonst wäre es aus rein medizinischer Sicht kein Problem. Die Gefahr, dass das Kind behindert sein würde, sei auch gering, da meine Körperbehinderung nicht vererbbar ist.

Aber die medizinische Seite ist ja bei weitem nicht alles

Ich brauche auf Grund meiner Behinderung für alle Dinge und Tätigkeiten Hilfe. Ich kann nichts selbst tun, vom Nasekratzen bis zum Einkaufen, vom Putzen bis zum Anziehen. Ich sage den Leuten, wenn ich ihnen das Ausmaß meiner Behinderung erkläre, rein körperlich gesehen bin ich hilflos wie ein Baby. Kann also ich, die körperlich selbst hilflos ist, einem Baby die körperliche Sicherheit und Geborgenheit geben, die es gerade in der ersten Zeit braucht? Mein Mittel, um in der Welt zurecht zu kommen, ist die Sprache. Ich mache alles mit Hilfe von Erklärungen und Worten. Mein Kind kann aber in den ersten eineinhalb Jahren nicht sprechen. Ich weiß von Freundinnen, dass die Kommunikation mit Kleinkindern sehr viel über Körperkontakt, Anfassen, Grimassenschneiden oder Streicheln läuft. All das könnte ich nicht.

Mehrere Mütter für mein Kind

Um auszugleichen, dass ich mich nicht bewegen kann, habe ich Menschen, die rund um die Uhr bei mir sind und die Dinge, die ich brauche und machen will, nach meinen Anforderungen und Vorstellungen erledigen. Diese Unterstützung gibt es auch im Falle einer Mutterschaft. Das Modell der sogenannten „Elternassistenz„. Das heißt, mein Kind würde nach meinen Wünschen von Assistentinnen betreut und versorgt werden.

Werde ich als Mutter anerkannt?

Die Assistenzwürde sich dann also nicht nur um mich, sondern eine zweite auch um mein Kind kümmern. Ich wäre auch hier die Chefin und könnte bestimmen, was mit meinem Kind gemacht wird. Aber gerade wenn ich das Kind nicht selber herumtragen, anfassen und versorgen kann, habe ich die Befürchtung, dass mein Kind mich nicht als Mutter sieht, sondern eher die Personen, die sich körperlich um es kümmern können. Das heißt, die ihm die Grundbedürfnisse stillen: füttern, Windeln wechseln, beruhigen, herumtragen und kuscheln. Auch später könnte ich mit meinem Kind nicht fangen oder Fußball spielen und es vor Wespen oder anderen Gefahren schützen.

Ein Rollstuhl mit integriertem Kinderwagen

Alle meine Überlegungen sprechen bis jetzt eher gegen ein Kind. In meinem Leben habe ich vieles getan, was mir meine Mitmenschen wegen meiner schweren Körperbehinderung nicht zugetraut haben. Ich habe es trotzdem versucht, und ich habe es meist geschafft, oftmals auf anderen Wegen und in einem langsameren Tempo, aber das ist mir egal. Natürlich werde ich als Mutter mit einer Behinderung immer angeschaut werden und eine besondere Rolle haben. Ich werde viele Dinge, die mein Kind betreffen, in die Hände anderer geben müssen, und ich werde mir wahrscheinlich auch viele Ratschläge und Kommentare meiner Assistenten und anderer Leute, die es besser wissen wollen, anhören müssen. Aber in erster Linie werden ich und mein Partner wissen, dass wir die Eltern sind, und unser Kind wird merken, dass wir es liebhaben und beschützen können. Und für das Herumtragen, Schaukeln und Beruhigen gibt es vielleicht auch schon bald in den Rollstuhl integrierte Kinderwägen oder elektrisch bedienbare Wiegen und Tragetücher, mit denen mir das Kind sicher auf den Bauch gebunden werden kann, so dass ich mit ihm kuscheln, ihm Geschichten erzählen und ihm etwas vorsingen kann.

Auch ich kann eine Mutter sein

Das Lachen eines Kindes holt mich aus meinen Gedanken zurück an den Tisch im Café. Meine Freundin schaut nervös auf ihr Handy. Sie sagt: „Die vom Kindergarten hätten sich gemeldet, wenn was passiert wäre, aber der Empfang ist hier so schlecht.“ Gerade als ich ein paar beruhigende Worte sagen will, betritt eine andere Freundin das Café. Sie hat einen Kinderwagen dabei. Sofort beginnen die zwei Mütter ein Gespräch. Das Kind in dem Kinderwagen ist auf meiner Augenhöhe. Es lacht mir zu und streckt mir seine Hand entgegen. Dann guckt es mich beleidigt an, weil ich sie nicht ergreifen kann. Ich lache ihm zu und es lacht auch. So etwas Kleines ist schon sehr süß, denke ich, und wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist: warum nicht.

Quelle: Dieser Text entstand für das Inklusionsblog der Aktion Mensch, http://www.aktion-mensch.de/blog/index.php

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