Monatsarchiv: Februar 2013

Aktion Mensch Blog – Rollstuhlgerechte Mode

Rollstuhlgerechte Mode – eine Entdeckungsreise

Autorin: Marie Gronwald, am 16.02.2013 um 09:12 Uhr

Eine Frau im Rollstuhl und eine Designerin sitzen am Tisch über Stoffen. Isabell Herzogenrath aus Dormagen ist eine der wenigen Designerinnen, die sich auf Mode für Menschen im Rollstuhl spezialisiert hat.

Foto: Markus Feger

Meterweise weißer Stoff, kleine funkelnde Steinchen, ein halb durchsichtiger Schleier, eine lange Schleppe, die so lang ist, dass sie mir um die Füße drapiert werden müsste. Ich bin mit einer Freundin in Neukölln unterwegs. Auf unserem Weg zum Libanesen sind wir schon an drei Brautmodengeschäften vorbeikommen. „Na, das wäre doch was, wenn es mal soweit ist. Ein richtiger Traum in Weiß, oder?“, fragt meine Freundin.

Der Rollstuhl als Modekiller

Ich schaue mir noch einmal das Kleid an der Puppe an, das hauptsächlich aus ausladendem weißem Stoff besteht. Die Puppe trägt bestimmt einen Reifrock, um die Meter von Stoff zu bändigen und in Form zu bringen. Ein Reifrock eignet sich nicht für einen Rollstuhl, jedenfalls nicht für so ein Modell, wie ich es durch die Gegend fahre. Mein Rollstuhl ist eine Spezialanfertigung. Jeder Millimeter ist genau an meinen Körper angepasst, jeder Zentimeter Stoff der Sitzschale auf meine besondere Körperform eingestellt. Wenn ich zum Beispiel eine Winterjacke trage, darf sie nicht zu dick sein, damit meine Gurte sich noch schließen lassen. Wenn ich also shoppen gehe, muss ich meinen Rollstuhl und meine besondere Körperform, die durch meine Behinderung verursacht wurde, einplanen. Ist der Rollstuhl also ein Modekiller? In dem Fall des Brautkleides: ein ganz klares Ja!

Shoppen als Abenteuer

Ich bin eine Frau, würde aber von mir selbst behaupten, dass ich nicht dem typischen Klischee entspreche und Shoppen als meine Lieblingsbeschäftigung ansehe. Für mich ist es immer eher ein Abenteuer. Ich bin kleiner und leichter als man in meinem Alter sonst so ist. Deswegen kaufe ich meine Kleidung auch meist in der Kinderabteilung. In den 80er Jahren aufgewachsen, war die Mode für Kinder und Jugendliche oft noch sehr bunt, mit viel rosa und Glitzer auf den T-Shirts, die ich in meiner Größe finden konnte. Mir ist es früher oft passiert, dass ich mit einer Begleitperson einkaufen gehen wollte und bei den kleinsten Größen in der Frauenabteilung gesucht habe, um nicht mit Anfang 20 ein T-Shirts mit „Hello Kitty“-Aufdruck und jeder Menge Glitzersteinchen kaufen zu müssen. Eine Verkäuferin kam einmal zu mir, lächelte meine Assistentin an und sagte: „Diese Hose ist nichts für sie. In der Kinderabteilung gibt es viel schönere und passendere Sachen. Die werden ihr gefallen.“ Die Hose, die ich mir angeguckt hatte – in der Überlegung, ob man sie kürzen könnte –, nahm sie meiner Assistentin resolut aus der Hand und hängte sie wieder zurück auf den Bügel. Auch wenn sich das inzwischen geändert hat, ist es mitunter nicht nur schwierig, das passende Kleidungsstück zu finden, sondern auch, sich gegen allwissende Verkäuferinnen durchzusetzen.

Schuhe: Entweder „Prinzessin Lillifee“ oder Gesundheitsmodell

Wenn ich entspannt bin und Zeit habe, gehe ich gerne shoppen, auch wenn die Kaufhäuser und Modegeschäfte oft mehr Mode haben als Kunden und ich deswegen kaum Platz habe, um mit meinem Rollstuhl durch die engen Gänge, geschweige denn in die Umkleidekabine zu kommen. Aber auch dafür habe ich inzwischen eine Strategie: zu Hause anprobieren, dann entweder umtauschen oder behalten. Es gibt nur ein Kleidungsstück, das ich wirklich sehr ungern einkaufe und daher auch immer vermeide, so lange es möglich ist: Schuhe. Ich hasse es, Schuhe zu kaufen. Also habe ich wirklich nur ein Paar in meinem Schrank. Meine Füße müssen nicht laufen, also sind sie keinen Druck gewohnt. Meine Schuhe müssen ganz bestimmte Regeln erfüllen: weiches Material, keine hohen Absätze. Der Fuß muss sich bewegen können wegen meiner Spastik.
Unterwegs in der Kinderschuhabteilung eines Kaufhauses: Um mich herum viele Kinder, die schreien, weil sie keine Schuhe anziehen wollen. Auch ich könnte schreien, gerade hat meine Assistentin meinen Fuß mühsam in einen Schuh gequetscht, der bis auf den Tigerentenreißverschluss eigentlich ganz in Ordnung und vor allem bequem aussieht. Meine Assistentin sieht mich an, denn sie weiß, dass mein Körper gar nicht gut auf ungewohnte Dinge reagiert, und nach zwei Minuten schießt die Spastik in die Füße. Mit orthopädischen Schuhen habe ich es auch schon probiert, aber trotz ihrer Unförmigkeit und dem Gesundheitsaspekt haben meine Füße auch gegen sie rebelliert. Der Fuß muss raus aus dem Schuh und ich werde diesen Winter wahrscheinlich wieder mit Wollsocken durch die Gegend fahren.
Für den Sommer habe ich ein Paar Schuhe. Leichte schwarze Tanzschuhe mit kaum vorhandenem Absatz – ein Geschenk aus Frankreich. Gibt es also nur in anderen Ländern Mode, die mir passt?

Kleine Größen nur in Spanien

Ich war schon öfter in Spanien und Frankreich. Dort gibt es Erwachsenenmode auch in kleinen Größen. Dann kann ich in der Frauenmodeabteilung meine Größe finden. Neulich erzählte mir eine Assistentin, die aushilfsweise bei mir gearbeitet hat, ich sei außergewöhnlich gut angezogen. Als ich sie fragend ansah, ergänzte sie leise, außergewöhnlich gut für einen Menschen mit Behinderung. Aber stimmt das Bild von dem Jogginghosen tragenden Rollstuhlfahrer wirklich noch, der nur deswegen keine Jeans trägt, weil es bequemer ist für den Rollstuhlfahrer und die Pflegeperson? Die Assistentin erzählte mir von einem Internetportal, auf dem rollstuhlgerechte Mode verkauft wird, während sie nicht ohne Mühe versuchte, mir meine Hose aus Spanien anzuziehen.

Rollimoden: „Mode, die im Sitzen sitzt“

Aus Neugier habe ich dann mal „Rollimode“ gegoogelt und Onlineshops gefunden. Sie entspricht nicht meinem Geschmack und auch nicht meiner Altersklasse. Die Models, die komischerweise alle körperlich topfit aussehen, wirken wie die Schwiegermutter aus einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung mit Tweetjacke. Auf der Webseite wird mir ausführlich erklärt, dass das Rückenteil der Jacke kürzer ist oder das Hinterteil der Hose länger, damit im Sitzen nichts verrutschen würde. Ich bestelle mir mal Hose, T-Shirt, Pullover und Schuhe, ohne auf „Bezahlen“ zu klicken. Der Preis holt mich fast aus meinem Rollstuhl: 499 Euro ohne Schuhe. Die gibt es ab 399 Euro oder als Spezialanfertigung, dann aber ohne Preisangabe. Ich bin Studentin und nicht Pferdebesitzerin auf einem Rosamunde-Pilcher-Anwesen. Solche Preise kann ich mir nicht leisten, und ich bezweifle, dass das viele können. Wenn man wirklich auf besondere Bedürfnisse bei seiner Kleidung angewiesen ist, bedeutet so etwas wie mein Experiment im Onlineshops auch wieder eine Art Ausgrenzung. Hinzu kommt, dass man Rollstuhlmode fast ausschließlich über Onlineversand kaufen kann. Man kann nicht mal soeben ein neues T-Shirt shoppen, wenn man für ein Date etwas Neues zum Anziehen braucht. Und ein Hochzeitskleid braucht man auf solchen Seiten erst gar nicht zu suchen.

Ein Kleid für den Rollstuhl

Meine Freundin lacht. „Ich weiß, was du jetzt denkst. Aber wenn es mal soweit sein sollte: Ich bin ja Modedesignerin, dann nähe und entwerfe ich dir ein Brautkleid speziell nur für deinen Rollstuhl, und alle Gurte, die Kopfstütze und die Sitzschale werden integriert.“ Ich lache: „Für ein Brautkleid fehlt aber noch eine Kleinigkeit, der Bräutigam! Vielleicht kannst du mir den ja auch entwerfen. Aber jetzt komm, ich habe Hunger.“
http://www.aktion-mensch.de/blog/eintrag.php?id=454

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Eingeordnet unter Veröffentlichungen

So tickt … Marie Gronwald!

Was macht andere Menschen im Leben eigentlich glücklich? Wenn Sie sich das auch schon einmal gefragt haben, dann sind Sie hier richtig. In regelmäßigen Abständen stellt REHACARE.de den unterschiedlichsten Menschen immer die gleichen Fragen. Was dabei heraus kommt? Lesen Sie selbst!

13.02.2013

Name: Marie Gronwald
Alter: 30
Wohnort: Berlin
Beruf: Autorin und Journalistin und Studentin
Handicap: Spastische Tetraplegie

Marie Gronwald ist nicht nur Studentin, sondern schreibt auch eigene Bücher und arbeitet als Journalistin für das Magazin „Mondkalb“. Auf REHACARE.de erzählt sie, wer oder was sie in eine andere Welt entführt und was es mit ihrer kaputten Tasse auf sich hat.

REHACARE.de: Wann haben Sie das letzte Mal herzhaft gelacht und worüber?
Marie Gronwald: Als ich mit einem guten Freund im Kino war.

REHACARE.de: An welchem Ort sind Sie am liebsten? Und warum?
Marie Gronwald: Im Kino, weil ein Film mich in eine andere Welt entführen kann.

REHACARE.de: Die letzte Mahlzeit in meinem Leben wäre …
Marie Gronwald: Spaghetti Bolognese

REHACARE.de: Welcher Mensch hat Sie bisher am meisten beeinflusst?
Marie Gronwald: Es war nicht nur einer, es waren viele die mich beeinflusst haben; jeder auf eine ganz besondere Art.

REHACARE.de: Gibt es etwas, das Sie eigentlich wegwerfen sollten, es aber nicht tun werden?
Marie Gronwald: Die zersprungene, selbstgebastelte Tasse meiner besten Freundin.

REHACARE.de: Sie haben eine Million im Lotto gewonnen. Was tun Sie mit dem Geld?
Marie Gronwald: Ich investiere einen Teil in eine Stiftung für Frauen mit Behinderungen. Von dem Rest baue ich mir ein barrierefreies Ferienhaus in Barcelona mit Gästezimmern für Freunde und Familie.

REHACARE.de: Welchen Moment Ihres Lebens würden Sie gerne noch einmal erleben?
Marie Gronwald: Als mein erstes Buch erschienen ist und ich auf der Leipziger Buchmesse war.

Foto: Junge Frauen im Kino

Von einem guten Film im Kino lässt sich Marie Gronwald gerne in andere Welten entführen; © nyul/panthermedia.net

REHACARE.de: Ich wäre gern einmal …
Marie Gronwald: Für einen Tag ein Vogel, um mir Berlin einfach mal von oben anzuschauen.

REHACARE.de: Wovon haben Sie die Nase voll?
Marie Gronwald: Von Herbst- und Winterkälte und von Menschen, die zu sehr von sich eingenommen sind.

REHACARE.de: Wobei können Sie am besten entspannen?
Marie Gronwald: Bei einem guten Film

REHACARE.de: Ich höre gern Musik von …
Marie Gronwald: Amy Winehouse, Ayo, Amy McDonald

REHACARE.de: Auf welche Fragen wünschen Sie sich eine Antwort?
Marie Gronwald: Die Fragen finde ich erst einmal wichtiger als die Antwort.

REHACARE.de: Wovor haben Sie am meisten Angst?
Marie Gronwald: Dass mein Rollstuhl umkippt und ich Schmerzen habe.

REHACARE.de: Was wollen Sie im Leben noch erreichen?
Marie Gronwald: Mein Studium erfolgreich abschließen, weitere Veröffentlichungen, schreiben und viele besondere Momente mit Freunden und Familie teilen.

Quelle:

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Pretty woman: -AnderStark- Ein Plädoyer für die Frau mit Behinderung

Der Fotoband „AnderStark“ zum gleichnamigen Projekt.

Marie Gronwald

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Auf dem Bild eine Frau mit Nylonstrapsen. Sie hat einen Mann an einer Kettenleine, der vor ihr kniet und an der Kette zieht. Er trägt eine Karnevalsmaske und wirkt wie ein Sklave oder ein Hündchen. Was ist anders an diesem Bild? Die Protagonistin sitzt im Rollstuhl. Sie hat eine Muskelerkrankung und dadurch eine andere Körperform. Neben dem Liebessklaven gibt es noch einige weitere erotische gelungene Aufnahmen von Frauen mit einer Muskelerkrankung.

Die Behinderung oder der Rollstuhl steht bei den Aufnahmen aber nie im Fokus des Betrachters.

Es sind die Inszenierung und die Geschichte der Models, die einen in den Bann ziehen. Die Protagonistinnen erzählen mit ihren Bildern Geschichten von besonderen Situationen, aber auch Alltagsgeschichten wie die erste Liebe, Ausgehen mit Freunden, Schoppen oder Arbeiten werden thematisiert. Besonders bei der Gestaltung der Bilder ist ,dass sie mit bekannten Motiven und Stereotypen spielen und die Frage stellen, was wäre beispielsweise aus Marilyn Monroe geworden, wenn sie im Rollstuhl sitzen würde. Würde ihr Kleid dann auch so schön hochfliegen?

Dann finden wir eine Marilyn Monroe im Rollstuhl auf einem Bild. Oder die Frage, warum es keine Prostituierte gibt, die im Rollstuhl sitzt, begleitet von einem so eindrucksvollen Foto. “AnderStark„ zeigt mutige selbstbewusste wunderschöne und starke Frauen, die sich ihrer Andersartigkeit bewusst sind, damit umgehen und spielen können.

Ergänzt werden die expressiven Bilder durch Serien von kurzen Texten, die einen Einblick in das Leben der Models geben. Mit welchen Fragen und Konflikten sie konfrontiert werden, wenn sie sich zum Beispiel in einen nichtbehinderten Mann verlieben oder sich mit ihrer Behinderung für ein Kind entscheiden.

Fotos und Texte ergeben ein stimmiges Bild aus vielen kleinen Impressionen von starken und offenen Frauen, über die man staunen, mit denen man lachen und mit denen man sich identifizieren kann. Das Fotoprojekt, das von Frauen mit Muskelerkrankung ins Leben gerufen wurde, zeigt eindrucksvoll und auf eine einfühlsame Weise Stationen und Geschichten von Frauen auf , für die die Kraft von Muskeln nichts mit Stärke zu tun haben.

“AnderStark„ ist ein überaus gelungener Beweis für die Schönheit und Power der Frauen unabhängig davon, in welchen Lebenssituation sie sich befinden.

94 Seiten, 60 Fotografien, 29,50 €

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeit unter: www.anderstark.de

Eine Ausstellung zum Fotoband ist für Sommer 2013 in Hamburg geplant

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