Monatsarchiv: Juni 2013

Aktion Mensch Blogbeitrag – Sex and the City – jetzt auch im Rollstuhl

Sex and the City – jetzt auch im Rollstuhl

Die amerikanische Doku-Soap „Push Girls“ erzählt aus dem Leben von vier Rollstuhlfahrerinnen. Ein Kommentar.

Die Protagonistinnen von "Push Girls" posieren in ihren Rollstühlen auf einem roten Teppich.Die „Push Girls“ zu Besuch bei einer TV-Gala

NCTA / flickr.com

Der Rollstuhl als Accessoire

Sie sind schön und erfolgreich. Vier junge Frauen aus der amerikanischen Mittelschicht. Ihre Themen: Beruf, Glück, Individualität, Sport, Männer, Flirten, Sex, Schuhe und Mode. Ihre Berufe: Model, Tänzerin, Designerin und Sportlerin. Erfolgreich und willensstark. Auf den ersten Blick bildhübsch und cool. Die Verkörperung des amerikanischen Traums. Der besondere Makel als Garant für Erfolg: Angela, Auti, Mia und Tiphany sind „Push Girls“, und dass nicht nur, weil sie selbstbewusst, schön und schlank sind, sondern weil sie sich über den Bildschirm und durch ihr Leben in einem Rollstuhl bewegen. Der Rollstuhl wird hier zu einem besonderen Accessoire. Er sorgt für die Emotionalität der Serie. Für den besonderen Empathie- und Überwindungseffekt, dem sich alle vier stellen müssen. Sie müssen ihr Schicksal überwinden, akzeptieren und annehmen. Dieses bildet den Rahmen der Serie.

Glaube, Liebe, Freundschaft und Hoffnung

Neben der Überwindung und Annahme des Schicksals, körperbehindert zu sein, sind die besonderen emotionalen Zutaten der Serie vor allem die Überstrapazierung der Worte Freundschaft, Glaube oder Schicksal. Drei der vier sind querschnittsgelähmt. Sie haben ihre Behinderung durch schwere Autounfälle erworben. In der Serie kehren sie zum Beispiel an den Unfallort zurück oder konfrontieren sich zum ersten Mal wieder mit Mutter und Vater, die die Behinderung der Tochter nicht ertragen konnten und ihr deswegen den Rücken gekehrt haben. Alles wird mit Hilfe von Gott und dem Schicksal erklärt und erträglich gemacht – eben typisch amerikanisch.

Telegen behindert

Unsere vier Heldinnen sitzen im Rollstuhl, und der Rollstuhl behindert sie nicht. Das sagen sie in der Serie immer und immer wieder, wie ein Mantra. Es fällt auf, dass sich drei der vier extrem gut selbstständig bewegen können. Sie sind von der Hüfte abwärts gelähmt und im Oberkörper voll beweglich, machen Sport, fahren Auto oder tragen High Heels mit extrem hohen Absätzen. In einer Szene wird sogar erklärt, wie man Absatzschuhe trägt, wenn man im Rollstuhl sitzt. Sie sind „perfekt behindert“, genau richtig für die Kamera.

Ein schwarzes Schaf gibt es immer

Auch wenn man die meiste Zeit selbstständige und aktive Protagonistinnen sieht, zeigt die Serie auch ein extremes Beispiel. Angela, das Model, ist nach einem Autounfall vom Hals abwärts gelähmt, kann ihren Körper und ihr Leben nicht selbstständig meistern. Sie wird von ihrer Tante begleitet, die sie anzieht, ihr die Haare wäscht oder auch kamerawirksam ihre zitternden Beine von einem Krampf befreit. Aber auch ihr Leben ist auf dramatisch wirkende Einblicke und Bilder reduziert worden. Das Hauptthema der Serie ist, dass die Frauenclique ihre Ziele und Träume verwirklicht, Männer kennen lernt und sich gegenseitig die gebrochenen Herzen flickt.

Nirgends Barrieren

Neben der Überwindung der Traumata und der Verwirklichung des eigenen Lebensplans fällt auf, dass die „Push Girls“ auf kaum eine Barriere stoßen. Wenn sie unterwegs sind, dann immer in ebenerdigen Geschäften. Die Läden sind geräumig, groß, die Verkäufer nett und hilfsbereit. Sie werden nicht angestarrt, bekommen keine Heilungsangebote oder Geldgeschenke, auch keine dummen Sprüche oder Beleidigungen. Überhaupt ist die ganze Umgebung der Serie interessiert und zuvorkommend. Die „Push Girls“ flirten sich von einem Mann zum nächsten, von einem Date zum anderen. Der Rollstuhl und die Behinderung werden von den Männern meist als „interessant“ oder „eine große Herausforderung“ angesehen. Kritische Themen wie Abhängigkeit oder Sexualität werden ausgeblendet oder nur am Rande erwähnt. Indem Angela zum Beispiel zu ihren Freundinnen sagt: „Ich will nicht, dass er gleichzeitig mein Liebhaber und Pfleger ist.“ Aber im Großen und Ganzen ist alles kein Problem. Auch ein Kinderwunsch nicht. Man muss es nur durchsetzen und glauben wollen, sagen die „Push Girls“. Und das ist auch das Motto dieser Serie. Die Behinderung und der Rollstuhl sind der besondere Blickfang, mit dem der Zuschauer ebenso wie seine Protagonisten umgehen lernt, bis er am Ende feststellen wird, die haben ähnliche Vorstellungen vom Leben wie ich.

Selbstbewusstsein und Schicksal – der besondere Weichspülermix für den Zuschauer

Ich muss zugeben, ich war noch nie ein besonderer Fan von Dokusoaps oder Schicksalsberichten. Aber irgendwann habe auch ich angefangen, die „Push Girls“ einzuschalten und ihrem telegenen Leben im Rollstuhl zuzugucken. Mit ihnen bei einem Date mitzufiebern oder gespannt zu sein, ob das mit dem Tanzen im Rollstuhl jetzt klappt oder nicht. So funktioniert eine Serie. Aber das Besondere bei den „Push Girls“ ist die Einbindung des behinderten Körpers und des Rollstuhls in das Fernsehbild. Der Zuschauer lernt, dass auch eine Figur mit einer Behinderung ein vom Fernsehen zwar gemachtes, aber doch so genanntes „alltägliches“ Leben führen kann – mit Job, Partnerschaft, Problemen, Glück und Trauer. Serien wie die „Push Girls“ sind sehr stereotype und zugespitzte Unterhaltungsformate, die die Mitte der Gesellschaft unterhalten sollen, und das haben die Serie und ihre Protagonisten geschafft. Zumindest kann ich das sagen. Für mich heißt das, dass Figuren mit Behinderung und Rollstühlen durch dieses Format, zumindest für eine halbe Stunde in der Woche, in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Mit all ihren Träumen, Tränen und Plänen. Also wenn das nicht Inklusion ist.

Linktipps:
Infos und Trailer zur Doku-Soap „Push Girls“

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Aktion Mensch Blog: Wettbewerb der Behinderungen?

Gestern habe ich eine Einladung zu einem Treffen meiner früheren Rollstuhl- Mädchengruppe erhalten. Wir haben uns, als wir Jugendliche waren, unter der Leitung einer Sonderpädagogin einmal die Woche getroffen, um zu quatschen, Spaß zu haben, uns über unsere Probleme mit unserer Behinderung austauschen. Mir haben diese Treffen immer sehr viel Spaß gemacht. Trotzdem habe ich auch schon damals das Gefühl gehabt, es gibt einen Wettbewerb zwischen uns, wer mehr oder weniger behindert ist. Aber gibt es wirklich eine Art Wettbewerb der Behinderungen?

Was ist eigentlich „behindert“für mich?

Ich falle immer auf, auf der Straße oder beispielsweise in der Uni, nicht nur wegen meiner Assistenten, die mich ständig begleiten. Ich ziehe Aufmerksamkeit auf mich, denn ich bin „anders“, anders als die, die sich diese Fragen stellen. Heißt also, dass ich, weil ich anders bin, automatisch gleich ein Mensch bin, der behindert ist? Nein, natürlich nicht. Aber weil ich mich anders bewege, habe ich andere Bedürfnisse, und diese erfordern andere Dinge, wie Aufzüge oder Rampen. Wenn es die nicht gibt, fühle ich mich anders – behindert. Außerdem ist Behinderung für mich immer ganz stark mit dem Gefühl des Ausgleichs, mit dem Gefühl des Trotzdem verbunden.

Das Gefühl des Ausgleichens, oder: Immer dieses Trotzdem

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich gerade, was meine Leistungen in der Schule und in der Uni betrifft, den Lehrern oder Professoren häufig beweisen musste, dass ich auch mit meiner Behinderung die gleichen Leistungen oder Prüfungen erledigen kann wie meine Kommilitonen ohne Behinderung. Oft habe ich das Gefühl, dass ich immer ein bisschen mehr oder besser sein muss als die anderen. Beispielsweise bei Referaten. Dann gibt es eine Art Staun-Effekt, und ich habe das Gefühl, dass ich meine Behinderung überdeckt oder ausgeglichen habe.

Der Behindertenbonus: ein Gegenmittel zum Wettbewerbsgedanken?

Unter meinen Freunden, die keine Behinderung haben und auch keine Berührungsängste mehr, habe ich nicht das Gefühl, ständig übertrumpfen zu müssen. Denn es gibt keine Vergleichsmöglichkeiten, und ich bin etwas Einzigartiges und Besonderes. Auch wenn es traurig ist, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es aufgrund von Fremd- und Selbstbildern immer die Tendenz gibt, sich besser und damit im Ranking der Behinderten höher aufzustellen. Ich habe also ein mulmiges Gefühl, was mein Treffen mit meiner Rollstuhlmädchengruppe morgen angeht. Ich sollte noch mal überlegen, welche Fortschritte ich gemacht habe. Oder vielleicht, ob ich überhaupt hingehen soll. Welche Erfahrung habt ihr unter Menschen mit Behinderung gemacht: Freundschaft oder Wettbewerb? Was führt dazu, dass ich oder andere Menschen mit Behinderungen immer in eine Art Wettbewerbssituation geraten? Ich kann nach meinen Erfahrungen sagen: Druck! Denn damit ich dieses Trotzdem aushalten kann und damit umgehen kann, muss ich einen Raum für mich schaffen, in dem meine Behinderung nicht so wichtig ist. Diesen Raum habe ich aus Leistungen und Bewunderung gebaut. Ich habe also das Trotzdem benutzt. Ist aber das Trotzdem dafür verantwortlich, dass es gerade unter Menschen mit Behinderung einen Sport gibt, sich oft untereinander zu vergleichen?

„Superopfer“ oder „Superkrüppel“?

In den späten achtziger und neunziger Jahren, als ich aufgewachsen bin, wurde ich oft als ein Opfer meiner Behinderung und meines Zustands angesehen und behandelt. Ich habe Therapievorschläge, Geld oder Bonbons bekommen, oft auch Streicheleinheiten. Meine Mutter wurde häufiger gefragt, warum sie mich nicht mit mehr Therapien oder Operationen heilen will, damit es mir irgendwann besser geht oder ich gar wieder laufen könnte. Einige Freunde mit Behinderung erlebten noch viel extremere Reaktionen, etwa die Frage, warum die Eltern sie nicht in ein Heim gegeben hätten, oder warum sie sie überhaupt auf die Welt gebracht hätten; solch ein Leben wäre doch schließlich kein richtiges und gutes. Ich habe solche Worte zum Glück nicht gehört. Heute ist es oft so, dass es gerade im Fernsehen und bei Sportveranstaltungen eine große Tendenz gibt, den Menschen mit Behinderung zum Superstar zu machen. In diesem Zusammenhang taucht wieder mein Liebling, das Wort „trotzdem“ auf. Ich bewege mich in einem Spannungsfeld zwischen Opfer und Superkrüppel und muss mich in diesem beweisen. Natürlich passiert es auch mir häufiger, dass ich zum Beispiel, wenn ich einen Bericht über jemand lese, der auch behindert ist, meinen Zustand mit seinem vergleiche. Ich glaube, das tut jeder, unabhängig von Behinderungen, aber meine These ist, gerade weil der Druck von außen so stark ist, vergleichen sich Menschen mit Behinderung untereinander häufig strenger oder kritischer, was zum Beispiel ihre Leistung bezüglich der Selbstständigkeit in der „nichtbehinderten“ Welt angeht. So habe ich, wenn ich mit anderen Behinderten zusammen bin, häufiger das Gefühl, ich müsste zum Beispiel beweisen, dass ich länger im Rollstuhl sitzen kann als früher, mehr Projekte umsetzen kann oder meine Assistenten besser „im Griff habe“. Mein Gefühl entsteht aus dem Druck heraus, nicht nur auf den Rollstuhl reduziert zu werden oder besser, zu beweisen, dass ich es geschafft habe, nicht nur auf den Rollstuhl reduziert zu werden.

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