Monatsarchiv: Januar 2015

Grundeinkommen nur unter Bedingungen

ICH−AG VON MARIE GRONWALD

A. K. Verma, ein indischer Regierungsbeamter, hat das geschafft, was sich viele Menschen mitunter auch hierzulande wünschen: ein Leben ohne lästige oder harte Arbeit. Der Elektroingenieur Verma hat seinen Arbeitsplatz 1990 verlassen und ist nie wieder dorhin zurückgekehrt. Doch seine Freizeit scheint nun vorbei zu sein, vor kurzem wurde er von der indischen Regierung entlassen. Gegen Verma wurde bereits seit 1992 ermittelt, aber er verweigerte jegliche Zusammenarbeit mit den Behörden. Er soll seit 1980 beim Central Works Department beschäftigt gewesen und 1990 sogar zum Executive Engineer aufgestiegen sein. Eine Anfrage wegen Vermas Fernbleiben wurde bereits 1992 gestellt, jedoch begann der formale Entlassungsprozess erst im Jahr 2007. Es vergingen dann noch weitere sieben Jahre, bis die Behörde eine Entscheidung traf und ihn offiziell entlassen konnte.

Medienberichten zufolge stellt die Abwesenheit vom Arbeitsplatz in der öffentlichen Verwaltung Indiens ein erhebliches Problem dar. Ein Bericht aus dem Jahr 2012 kommt sogar zu dem Ergebnis, dass Indiens Beamtinnen und Beamte die Rangliste im »Blaumachen« in ganz Asien anführen. Auch Lehrerinnen und Lehrer sollen in großer Zahl nicht zum Unterricht erscheinen. Im August vergangenen Jahres wurde eine Lehrerin entlassen, die 23 Jahre ihrer 24jährigen Schullaufbahn wegen Krankheit gefehlt hatte. Vielleicht wollte auch sie nur etwas mehr Freizeit. Es bleibt unklar, ob und in welcher Höhe der Ingenieur Verma Gehaltszahungen in seiner »Auszeit« erhalten hat.

In Griechenland wurde 2011 bekannt, dass an 4 500 Beamtinnen und Beamte noch Gehälter überwiesen wurden, obwohl sie schon längst verstorben waren. Das kostete den griechischen Staat jährlich 16 Millionen Euro. Möglich wurde dies durch eine schlampige Buchführung, in den meisten Fällen hatten offenbar Angehörige den Todesfall nicht gemeldet. In vielen Ländern sind die Gehälter der Staatsangestellten aber auch so niedrig, dass sie in einem zweiten Job arbeiten müssen. Der indische Staatsdienst gilt als prestigeträchtig, aber nicht lukrativ. Premierminister Narendra Modi versprach, etwas gegen die hohe Fehlzeitrate zu tun, als er vergangenes Jahr sein Amt antrat. So veranlasste er unangekündigte Besuche in Behörden. Diese Maßnahmen sollen bereits erste Erfolge zeigen, die Zahl der »Müßiggänger« sei deutlich gesunken. Das bedingungslose Grundeinkommen, das Verma sich im Staatsdienst erhofft haben mag, ist eben doch noch an zu viele Bedingungen geknüpft.
Jungle World Nr.3, 15. Januar 2015

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