Monatsarchiv: Februar 2015

Beifall als Währung

Seit beinahe zwei Jahrzehnten finden in Deutschland Poetry Slams statt. Der Szene pauschal Verflachung vorzuwerfen, wäre falsch.

VON MARIE GRONWALD

Die Schlange vor dem Club reicht über den Hof auf die Straße. Einige werden auch heute draußen bleiben müssen, sagt der Veranstalter. Der Bastardslam im Berliner »Ritter Butzke« ist seit langem eine Institution der Poetry-Slam-Szene. Seit 1994 findet er in wechselnden Locations statt und hat sich für manchen als Sprungbrett erwiesen.

Auch Julian Heuns Karriere hat hier begonnen, 2007 wurde er auf den Bastardslam aufmerksam und kann mittlerweile von seiner Kunst leben. Er reist herum, moderiert, trägt Texte vor und gehört zu den bekannten Gesichtern der Szene. Den Ursprung des Poetry Slams in Chicago, als der Poet Marc Kelly Smith 1986 die Bühne betrat, hat er ebenso wenig miterlebt wie die Popularisierung der Bühnenkunst in Deutschland Mitte der neunziger Jahre. Heun ist heute 25 Jahre alt – zweimal wurde er Vizeweltmeister im Poetry Slam, zweimal hat er die seit 1997 ausgerichteten deutschsprachigen Meisterschaften gewonnen. Ein Buch von ihm ist erschienen, das nächste in Arbeit.
Mit dem Problem, »etwas eigenes« auf die Bühne zu bringen, obgleich alles auf eine Art irgendwo schon einmal gesagt wurde, kann er leben: »Ich habe das Gefühl, dass ich ab und zu das Gefühl haben kann, etwas zu sagen, das noch nicht gesagt wurde«, sagt er und lacht. Politik? Ja, Politik sei durchaus ein Thema für ihn. Jedoch müsse man bei politischen Geschehnissen immer genau abwägen, wie man sie künstlerisch auf interessante Weise bearbeiten könne.

Auch Theresa Hahl aus Marburg ist erst 25 Jahre alt, an Poetry Slams nimmt sie teil, seit sie 19 ist. Neben Julius Fischer, Sebastian23 und Philipp Scharrenberg ist sie eine der Protagonistinnen in »Dichter und Kämpfer« (2012), einem Dokumentarfilm über die deutsche Szene. Hahl arbeitet interdisziplinär mit anderen Künstlern zusammen, bereitet Texte für die Theaterbühne auf und gibt Schreibworkshops. Eine Tätigkeit, die ihr mindestens so viel bedeutet wie das Verfassen ihrer Texte selbst. Ihre Darbietungen verfehlen ihre Wirkung nicht. So erzählt Hahl von einer Frau, die sich nach einem ihrer Auftritte bei ihr bedankte. Hahls Texte hätten sie durch die wichtigen Momente ihrer Biographie begleitet, die Geburt ihres Sohnes, ihre Scheidung, den Verlust des Jobs, diverse Umzüge – sie seien eine Konstante in ihrem Leben geworden. Hahls Texte sind alltagsphilosophisch, genauso wichtig seien aber politische Themen. 2011 ist sie auf dem Demokratiekongress der Grünen in Mainz aufgetreten. Sie habe die Chance genutzt, die Anwesenden auf ihre politischen Fehler der vergangenen zwei Jahrzehnte aufmerksam zu machen. Nein, begeistert waren sie nicht.

Man mag sich fragen, ob Slam Poetry ihre Wirkung nur abseits der klassischen Clubveranstaltungen entfalten kann. Poetry Slams werden schließlich häufig dafür kritisiert, dass die Künstler mit ihren Darbietungen primär auf Zugänglichkeit, Massentauglichkeit und Amüsement abzielen – eine Eigenheit, die letztlich in den Spielregeln festgeschrieben ist: Wenn das Publikum mittels Beifall darüber entscheidet, wer als Gewinner des Abends hervorgeht, geht es dann nicht primär darum, Einverständnis zu erzeugen?

Hahl betont, es gehe ihr nicht darum, mehrheitsfähige Texte zu schreiben. Für sie stehe der Wettbewerb längst nicht mehr im Vordergrund, eine Entwicklung, die sie auch bei anderen Slam-Poeten beobachtet hat. Sie habe schon erlebt, erzählt sie, dass sich die Teilnehmer am Ende des Abends nicht mehr daran erinnern konnten, wer eigentlich gewonnen hatte.

Dennoch habe sich die Szene in den vergangenen Jahren nicht nur zum Positiven entwickelt. Heun bestätigt, dass Poetry Slams immer größer und professioneller geworden sind. Eine Beobachtung, die nicht für die Präsenz gesellschaftskritischer Inhalte spricht. Damit die Szene nicht selbstreferentiell wird, seien die Künstler auf Inspiration von außen angewiesen, sagt Heun. Häufig werden lediglich Stile imitiert, dabei könne man sich beispielsweise vom Theater noch einiges abgucken.

Auch Hahl befürchtet, dass die Kommerzialisierung und die Professionalisierung der Szene sich auf die Qualität der Texte auswirken. Ihr zufolge werde der Poetry Slam in Deutschland immer mehr zu einer Comedy-Veranstaltung. Dagegen könne man nur eines tun, »einfach nicht aufgeben, sondern weitermachen«. Weiterschreiben, wendig sein: »Vielleicht geht man ja verloren in jeder banalen Begegnung, doch verlorengehen ist immerhin eine Art der Bewegung.«

Der Bastardslam ist an diesem kalten Januar­abend von Vielfalt und sprachlicher Kunstfertigkeit geprägt. Es geht darum, sich über Kunst, Geschichten und Gedanken auszutauschen und sich auf unterschiedliche Stile, Klänge und Rhythmen einzulassen. Spektakel und Selbstdarstellung haben eine untergeordnete Bedeutung.
Jungle World Nr.6, 05. Februar 2015

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Veröffentlichungen

Versöhnlich

ICH−AG VON MARIE GRONWALD

Der ehemalige Leiter der weißen Todesschwadronen des südafrikanischen Apartheid-Regimes, Eugene de Kock, soll überraschenderweise nach mehr als 20 Jahren Gefängnis auf Bewährung entlassen werden. De Kock ließ Menschen exekutieren und hauptsächlich schwarze Anti-Apartheids-Kämpfer des African National Congress (ANC) inhaftieren. Dafür wurde er 1994 angeklagt und zwei Jahre später zu zweimal lebenslänglich und 212 Jahren Gefängnis verurteilt. Während seiner Haft machte er umfangreiche Aussagen über das Vorgehen der weißen Todesschwadronen und belastete einige führende Politiker des Regimes, darunter Frederik Willem de Klerk. De Klerk war Präsident und ist Träger des Friedensnobelpreises. De Kock berichtete davon, dass er gegen Ende der Apartheid mit seiner Einheit dafür eingesetzt worden sei, die von Nelson Mandela und seiner Partei ANC eingeleiteten Gespräche zwischen den Bevölkerungsgruppen zu sabotieren. Allein dieser Konflikt forderte mehr als 15 000 Opfer.
Der Grund für die Begnadigung de Kocks sei der Wunsch nach Versöhnung und Staatsbildung, wie Südafrikas Justizminister vergangene Woche mitteilte. Außerdem habe de Kock durch seine Aussagen maßgeblich zur Aufklärung und Verurteilung von Tätern beigetragen. De Kock hat sich nach Angaben von The Independent mit Angehörigen einiger seiner Opfer zu einem Gespräch über Schuld und Vergebung getroffen. Einige Hinterbliebene haben ihm inzwischen vergeben, doch es bleibt abzuwarten, ob die Entscheidung des Justizministers, de Kock freizulassen, so klug war und nicht wieder zu Spannungen führt. Zwar ist die Apartheid längst überwunden, doch die soziale Ungleichheit zwischen weißen und schwarzen Südafrikanern und das Ausmaß an täglicher Gewalt bleiben enorm hoch.
Auch innerhalb der armen schwarzen Bevölkerung nehmen die Konflikte zu. Immer wieder kommt es in Townships zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen Migrantinnen und Migranten aus anderen afrikanischen Ländern und Asien, wie jüngst in Johannesburg. Vielleicht ist diese Gewalt auch eine Fortsetzung des Ausgrenzungsdenkens der Apartheid gegen die nächstschwächere Bevölkerungsgruppe. Ob die Begnadigung eines historisch so belasteten Typen und Massenmörders wie de Kock wirklich dazu beitragen kann, solche mentalen Muster zu überwinden, ist fraglich.
Jungle World Nr. 6, 05. Februar 2015

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Veröffentlichungen