Beifall als Währung

Seit beinahe zwei Jahrzehnten finden in Deutschland Poetry Slams statt. Der Szene pauschal Verflachung vorzuwerfen, wäre falsch.

VON MARIE GRONWALD

Die Schlange vor dem Club reicht über den Hof auf die Straße. Einige werden auch heute draußen bleiben müssen, sagt der Veranstalter. Der Bastardslam im Berliner »Ritter Butzke« ist seit langem eine Institution der Poetry-Slam-Szene. Seit 1994 findet er in wechselnden Locations statt und hat sich für manchen als Sprungbrett erwiesen.

Auch Julian Heuns Karriere hat hier begonnen, 2007 wurde er auf den Bastardslam aufmerksam und kann mittlerweile von seiner Kunst leben. Er reist herum, moderiert, trägt Texte vor und gehört zu den bekannten Gesichtern der Szene. Den Ursprung des Poetry Slams in Chicago, als der Poet Marc Kelly Smith 1986 die Bühne betrat, hat er ebenso wenig miterlebt wie die Popularisierung der Bühnenkunst in Deutschland Mitte der neunziger Jahre. Heun ist heute 25 Jahre alt – zweimal wurde er Vizeweltmeister im Poetry Slam, zweimal hat er die seit 1997 ausgerichteten deutschsprachigen Meisterschaften gewonnen. Ein Buch von ihm ist erschienen, das nächste in Arbeit.
Mit dem Problem, »etwas eigenes« auf die Bühne zu bringen, obgleich alles auf eine Art irgendwo schon einmal gesagt wurde, kann er leben: »Ich habe das Gefühl, dass ich ab und zu das Gefühl haben kann, etwas zu sagen, das noch nicht gesagt wurde«, sagt er und lacht. Politik? Ja, Politik sei durchaus ein Thema für ihn. Jedoch müsse man bei politischen Geschehnissen immer genau abwägen, wie man sie künstlerisch auf interessante Weise bearbeiten könne.

Auch Theresa Hahl aus Marburg ist erst 25 Jahre alt, an Poetry Slams nimmt sie teil, seit sie 19 ist. Neben Julius Fischer, Sebastian23 und Philipp Scharrenberg ist sie eine der Protagonistinnen in »Dichter und Kämpfer« (2012), einem Dokumentarfilm über die deutsche Szene. Hahl arbeitet interdisziplinär mit anderen Künstlern zusammen, bereitet Texte für die Theaterbühne auf und gibt Schreibworkshops. Eine Tätigkeit, die ihr mindestens so viel bedeutet wie das Verfassen ihrer Texte selbst. Ihre Darbietungen verfehlen ihre Wirkung nicht. So erzählt Hahl von einer Frau, die sich nach einem ihrer Auftritte bei ihr bedankte. Hahls Texte hätten sie durch die wichtigen Momente ihrer Biographie begleitet, die Geburt ihres Sohnes, ihre Scheidung, den Verlust des Jobs, diverse Umzüge – sie seien eine Konstante in ihrem Leben geworden. Hahls Texte sind alltagsphilosophisch, genauso wichtig seien aber politische Themen. 2011 ist sie auf dem Demokratiekongress der Grünen in Mainz aufgetreten. Sie habe die Chance genutzt, die Anwesenden auf ihre politischen Fehler der vergangenen zwei Jahrzehnte aufmerksam zu machen. Nein, begeistert waren sie nicht.

Man mag sich fragen, ob Slam Poetry ihre Wirkung nur abseits der klassischen Clubveranstaltungen entfalten kann. Poetry Slams werden schließlich häufig dafür kritisiert, dass die Künstler mit ihren Darbietungen primär auf Zugänglichkeit, Massentauglichkeit und Amüsement abzielen – eine Eigenheit, die letztlich in den Spielregeln festgeschrieben ist: Wenn das Publikum mittels Beifall darüber entscheidet, wer als Gewinner des Abends hervorgeht, geht es dann nicht primär darum, Einverständnis zu erzeugen?

Hahl betont, es gehe ihr nicht darum, mehrheitsfähige Texte zu schreiben. Für sie stehe der Wettbewerb längst nicht mehr im Vordergrund, eine Entwicklung, die sie auch bei anderen Slam-Poeten beobachtet hat. Sie habe schon erlebt, erzählt sie, dass sich die Teilnehmer am Ende des Abends nicht mehr daran erinnern konnten, wer eigentlich gewonnen hatte.

Dennoch habe sich die Szene in den vergangenen Jahren nicht nur zum Positiven entwickelt. Heun bestätigt, dass Poetry Slams immer größer und professioneller geworden sind. Eine Beobachtung, die nicht für die Präsenz gesellschaftskritischer Inhalte spricht. Damit die Szene nicht selbstreferentiell wird, seien die Künstler auf Inspiration von außen angewiesen, sagt Heun. Häufig werden lediglich Stile imitiert, dabei könne man sich beispielsweise vom Theater noch einiges abgucken.

Auch Hahl befürchtet, dass die Kommerzialisierung und die Professionalisierung der Szene sich auf die Qualität der Texte auswirken. Ihr zufolge werde der Poetry Slam in Deutschland immer mehr zu einer Comedy-Veranstaltung. Dagegen könne man nur eines tun, »einfach nicht aufgeben, sondern weitermachen«. Weiterschreiben, wendig sein: »Vielleicht geht man ja verloren in jeder banalen Begegnung, doch verlorengehen ist immerhin eine Art der Bewegung.«

Der Bastardslam ist an diesem kalten Januar­abend von Vielfalt und sprachlicher Kunstfertigkeit geprägt. Es geht darum, sich über Kunst, Geschichten und Gedanken auszutauschen und sich auf unterschiedliche Stile, Klänge und Rhythmen einzulassen. Spektakel und Selbstdarstellung haben eine untergeordnete Bedeutung.
Jungle World Nr.6, 05. Februar 2015

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