Archiv der Kategorie: Projekt: „Mondkalb – Zeitschrift für das organisierte Gebrechen“

Pretty woman: -AnderStark- Ein Plädoyer für die Frau mit Behinderung

Der Fotoband „AnderStark“ zum gleichnamigen Projekt.

Marie Gronwald

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Auf dem Bild eine Frau mit Nylonstrapsen. Sie hat einen Mann an einer Kettenleine, der vor ihr kniet und an der Kette zieht. Er trägt eine Karnevalsmaske und wirkt wie ein Sklave oder ein Hündchen. Was ist anders an diesem Bild? Die Protagonistin sitzt im Rollstuhl. Sie hat eine Muskelerkrankung und dadurch eine andere Körperform. Neben dem Liebessklaven gibt es noch einige weitere erotische gelungene Aufnahmen von Frauen mit einer Muskelerkrankung.

Die Behinderung oder der Rollstuhl steht bei den Aufnahmen aber nie im Fokus des Betrachters.

Es sind die Inszenierung und die Geschichte der Models, die einen in den Bann ziehen. Die Protagonistinnen erzählen mit ihren Bildern Geschichten von besonderen Situationen, aber auch Alltagsgeschichten wie die erste Liebe, Ausgehen mit Freunden, Schoppen oder Arbeiten werden thematisiert. Besonders bei der Gestaltung der Bilder ist ,dass sie mit bekannten Motiven und Stereotypen spielen und die Frage stellen, was wäre beispielsweise aus Marilyn Monroe geworden, wenn sie im Rollstuhl sitzen würde. Würde ihr Kleid dann auch so schön hochfliegen?

Dann finden wir eine Marilyn Monroe im Rollstuhl auf einem Bild. Oder die Frage, warum es keine Prostituierte gibt, die im Rollstuhl sitzt, begleitet von einem so eindrucksvollen Foto. “AnderStark„ zeigt mutige selbstbewusste wunderschöne und starke Frauen, die sich ihrer Andersartigkeit bewusst sind, damit umgehen und spielen können.

Ergänzt werden die expressiven Bilder durch Serien von kurzen Texten, die einen Einblick in das Leben der Models geben. Mit welchen Fragen und Konflikten sie konfrontiert werden, wenn sie sich zum Beispiel in einen nichtbehinderten Mann verlieben oder sich mit ihrer Behinderung für ein Kind entscheiden.

Fotos und Texte ergeben ein stimmiges Bild aus vielen kleinen Impressionen von starken und offenen Frauen, über die man staunen, mit denen man lachen und mit denen man sich identifizieren kann. Das Fotoprojekt, das von Frauen mit Muskelerkrankung ins Leben gerufen wurde, zeigt eindrucksvoll und auf eine einfühlsame Weise Stationen und Geschichten von Frauen auf , für die die Kraft von Muskeln nichts mit Stärke zu tun haben.

“AnderStark„ ist ein überaus gelungener Beweis für die Schönheit und Power der Frauen unabhängig davon, in welchen Lebenssituation sie sich befinden.

94 Seiten, 60 Fotografien, 29,50 €

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeit unter: www.anderstark.de

Eine Ausstellung zum Fotoband ist für Sommer 2013 in Hamburg geplant

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Buchkritik zu „Mein Schutzengel ist ein Anfänger“

Auch ein Schutzengel darf zweifeln

Mein Schutzengel ist ein Anfänger – Eine wahre Geschichte vom Trösten und getröstet werden (Maximilian Dorner)

In seinem mittlerweile sechsten Buch macht sich der Schriftsteller Maximilian Dorner auf die Suche nach Trost und Hoffnung. Der an Multiple Sklerose erkrankte Autor schreibt über seine Krankheit und diverse Heilungsversprechen und Angebote, die ihm gemacht werden; von Sport bis zum Handauflegen auf einer Party über die Lektüre eines Buches bis zum Einnehmen von Blumendünger. Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck haben, dass es sich hier um religiöse Schicksals-Betulichkeit und verzweifelte schriftliche Heilungsversuche handelt. Doch das besondere an diesem Buch ist nicht unbedingt sein Thema sondern es ist der Aufbau und die Art wie es geschrieben wurde.

Mehrstimmigkeit wird zum Gestaltungsprinzip

Das Buch beginnt mit 36 Einsichten eines Schutzengels und wer jetzt glaubt, er habe sich einen esoterischen Lebensratgeber angeschafft, der irrt Gott sei Dank. Denn die 36 Schutzengel-Einsichten weisen auf das Gestaltungsprinzip des Romans hin. Erzählt werden Alltagsbegebenheiten von Max, dem Alter Ego von Maximilian Dorner, der sich mit Zahnpastaflecken, zu engen Zugtoiletten und kaputten Rollstuhlreifen durchs Leben schlägt, beziehungsweise schreibt. Erzählt werden diese Alltagsbegebenheiten in dritter Person und im Präsens, was gleichermaßen eine Direktheit des Erlebten aber auch eine angenehme Distanz zum Autor bewirkt, so dass man sich als Leser gut in viele der Situationen hineinversetzen kann. Unterbrochen oder besser ergänzt werden diese – manchmal sehr humorvollen oft auch skurrilen Erfahrungen – durch den Schutzengel von Max, der den Job übernommen hat, ihn durch sein Leben zu begleiten. Er verzweifelt häufig schier daran, wenn sein Schützling zum Beispiel – obwohl er weiß, dass er wegen seiner gelähmten Beine nicht mehr schwimmen kann – beschließt im Teich einer Freundin zu baden. Dieser großartig literarisch umgesetzte Trick bewahrt das Buch und auch seinen Schöpfer davor, zu sehr in den Verdacht zu geraten einen vor Schicksal und Hoffnungslosigkeit triefenden Erfahrungsbericht über Krankheit und Glauben geschrieben zu haben.

Maximilian Dorners Roman ist eine sehr pointiert und in klaren Sätzen geschriebene Skurilitätensammlung über das Leben eines Menschen, das sich durch eine Krankheit massiv verändert hat. So beschreibt er zum Beispiel den Heilungsversuch einer Dame, die ihn auf einer Party durch Handauflegen wieder gesund machen will. Der Heilungsversuch scheitert und die Dame beschwert sich nachdem Max ihre Einladung zum Tanzen abgelehnt hat „Sie müssen es selbst wollen, gesund werden wollen! Nur Sie.“

Maximilian Dorner leidet nicht, er hofft nicht und er klagt nicht an und wenn er doch einmal kurz in Versuchung gerät bremst ihn sein Schutzengel abrupt und mit sehr viel schwarzem Humor gekonnt aus. Maximilian Dorners neues Buch ist eine Lektüre für alle, die das Leben gleichermaßen lieben aber auch das Gefühl kennen, sich und alle guten Ratschläge manchmal unter der Decke verstecken zu wollen. Aber nicht zu lange, denn so ein Schutzengel sieht und hört ja alles.

 

Marie Gronwald

 

Verlag: Knaus Verlag

Preis: 17,99 €

Buchtitel: Mein Schutzengel ist ein Anfänger

Seitenzahl: 224 Seiten

Homepage: http://www.maxdorner.de/

 

Termine:

22. November, 19.30 Uhr, Grafing, Bücherstube Slawik, Jahnstr. 5, Lesung aus „Mein Schutzengel ist ein Anfänger“

12. Dezember, 19 Uhr München, vor der Metzstr. 31, Erste richtige Haidhausener Fensterlesung mit Fridolin Schley und Alex Rühle und Glühwein

 

http://awan.awan.de/normalistan/index.php?id=14

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Gedanken zum Kino mit Behinderung – „Ziemlich beste Freunde“

„Keine Arme – keine Schokolade!“

Der Kinohit „Ziemlich beste Freunde“ aus Frankreich, ab 7.September auf DVD und Blue Ray

Schon so viel ist über diesen Film geschrieben und gesagt worden. 8,5 Millionen Kinozuschauer müssten doch eigentlich als Referenz ausreichen. Wir von der „Mondkalb“ –Redaktion; eines Magazins mit Schwerpunkt Behinderung und Kultur wollen es nicht versäumen pünktlich zum DVD-Start des Kinohits aus dem Jahr 2011 auch ein paar Zeilen zu schreiben. „Ziemlich beste Freunde “ beruht auf der wahren Geschichte von Philippe Pozzo di Borgo und Abdel Yasmin Sellou.

Philippe (François Cluzet) ist seit einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl, den er mit dem Mund steuern kann. Vom Hals ab spürt er nichts mehr und ist deswegen auf ständige Hilfe angewiesen. In einer Art Casting sucht er einen neuen Pfleger für seine Rund-um-die-Uhr-Pflege, die von mehreren Hausangestellten und Krankengymnasten gewährleistet wird. Philippe ist reich. Vor seinem Unfall war er Manager eines Champagner-Unternehmers und kann sich deswegen viele Annehmlichkeiten leisten, die sein Leben mit Behinderung erfordern und erleichtern. Im krassen Gegensatz zu ihm, steht das Leben von Driss (Omar Sy), seinem neuen Assistenten, der sich auf Druck vom Arbeitsamt bei ihm meldet und eigentlich nur eine Unterschrift braucht, um weiter Arbeitslosengeld beziehen zu können. Driss ist offen, humorvoll und spontan und Philippe entscheidet sich ihn auf Probe arbeiten zu lassen. Aus der Probezeit wird ein sehr ungewöhnliches Angestelltenverhältnis und aus diesem eine Freundschaft.

Philippes Umgebung reagiert besorgt auf seinen neuen Assistenten, da sie fürchten, er könnte seine privilegierte Stellung ausnutzen und ihn ums Geld betrügen. So warnt sein Anwalt: „Du musst aufpassen. Diese jungs aus der Vorstadt kennen kein Mitleid.“ Darauf Philippe: „Das ist es was ich will – kein Mitleid!“

Genau diese Direktheit macht den Film so gelungen und großartig. So spricht er viele sogenannte Tabuthemen auf eine lockere und humorvolle Art an, wie Sexualität, ohne dabei den Samthandschuh überzustreifen oder den moralischen Zeigefinger zu erheben. Ganz im Gegenteil: Durch die großartige schauspielerische Leistung und die kongenialen Dialoge wird Behinderung nicht zum Problem, sondern zum Alltagsphänomen. François Cluzet kann nichts bewegen außer seinem Gesicht und doch steckt in diesem Gesicht tausendmal mehr Emotion und Spannung, als in vielen anderen Schauspielern, von denen man den ganzen Körpereinsatz sehen kann.

Der Film thematisiert viele Bereiche, die einem Menschen mit Behinderung Schwierigkeiten bereiten können, zum Beispiel, dass man, wenn man die Hände nicht bewegen kann, nicht ohne fremde Hilfe Schokolade essen kann. Aber der Film tut das nicht mit den Mitteln des Mitleids und der Opferrolle, sondern es ist ebenso wie es ist. Dadurch gewinnt die Umsetzung des realen Stoffes eine ganze Menge Charme und Glaubwürdigkeit. Philippe ist kein Opfer und auch kein Superheld. Dieses übliche Figurenmuster in Filmen mit dem Thema Behinderung wird von „Ziemlich beste Freunde“ glücklicherweise nicht aufgegriffen. Er ist so wie er ist, mit all seinen Zweifeln, Ängsten schönen Momenten und Schwierigkeiten. Und auch sein Pfleger Driss ist alles andere als eine coole Ausgabe von Mutter Theresa. Aber gerade diese Selbstverständlichkeit macht diesen Film zu etwas Außergewöhnlichem. Das Leben im Rollstuhl ist nichts Besonderes. Weder im positiven noch im negativen Sinne. Es gehört zum Alltag. Wenn auch zu einem sehr privilegierten Alltag. Denn die wenigsten Menschen mit Behinderung können sich einen Privatjet oder Hauspersonal leisten. Da es eine wahre Geschichte ist, gibt es somit auch reiche Rollstuhlfahrer. Was der Film auf jeden Fall macht, ist ziemlich gute Laune.

Für einen schönen DVD-Abend mit einigen Überraschungen und einigen Witzen, die auch Menschen ohne Behinderung zum Lachen bringen werden.

Frankreich 2011
Genre: Komödie/Drama
R: Eric Toledano, Olivier Nakache
Darsteller: François Cluzet, Omar Sy
DVD- und Blue Ray-Start 7.September 2012
110 Min

Quelle: Blog Mondkalb

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Mondkalb Zeitschrift für das organisierte Gebrechen

Wir (drei Freunde mit und ohne Handicap sowie freie Mitarbeiter)  machen seit 2006 eine tolle Zeitschrift mit dem Fokus auf Behinderung im gesellschaftlichen politischen und kulturellen Umfeld. Mehr dazu und Bestellmöglichkeiten gibt es unter: das-organisierte-Gebrechen.de

Bald wird auch die nächste Ausgabe erscheinen. Weitere Infos: http://de.wikipedia.org/wiki/Mondkalb_%28Zeitung%29 und http://www.facebook.com/pages/Mondkalb-Zeitschrift-f%C3%BCr-das-organisierte-Gebrechen/118723024820851

Viel Spaß beim durchblättern und lesen. 🙂

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Mondkalb: „Und irgendwann gibt es einen Kurzschluss…“

Der Bestsellerautor Maximilian Dorner
über seine Behinderung, Scham und das Schreiben.

Mondkalb: Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?
Dorner: Ich kann mir das Leben gar nicht ohne vorstellen. Das ist eigentlich die Form, wie ich lebe: zu schreiben.

Mondkalb: Wie würden Sie Behinderung definieren?
Dorner: Ich tue mich ganz schwer mit Definitionen in einem Satz, weil ich immer denke, dann müsste ich ja gar keine Bücher schreiben, wenn ich alles in einem Satz definieren könnte. In zwei schaff ich es auch nicht.
Ich glaube, ich brauche einfach immer ein ganzes Buch, bis ich mir irgendwie klar werde, und will dann auch nicht so auf einen Satz heraus, sondern das es nach hinten offen bleibt.

Mondkalb: Sie haben sowohl fiktive als auch autobiographische Texte geschrieben. Was ist schwieriger: sich selbst zu thematisieren oder fiktive Texte zu schreiben?
Dorner: Das ist ganz unterschiedlich. Ich glaube, auch in fiktiven Texten ist man ganz nah an dem eigenem Erleben. Ich versuche auch immer, bei diesen Ich-Erzählungen oder bei solchen Geschichten, das so zu nehmen wie eine Figur, also auch ein bisschen Distanz zu haben.

Mondkalb: Wie hat es mit „Mein Dämon ist ein Stubenhocker“ angefangen?
Dorner: Das ist aus einer Caféhaus-Begegnung entstanden. Ich habe den Verlagsleiter kennengelernt und der hat mich gefragt: „Fühlst Du Dich eigentlich behindert?“ Ich wusste darauf eigentlich keine Antwort und daraufhin hat er gesagt: „Tja, dann schreib doch mal darüber.“

Mondkalb: Wie reagieren Sie, wenn Sie schief angeguckt, angelächelt werden, oder komische Bemerkungen über Sie oder Ihr Handicap gemacht werden?
Dorner: Ich glaube, ich hör weg. Also, ich habe bisher gar keine gehört. Ich glaube, ich hab`s mir schon öfter mal eingebildet, so eine Situation, als dass ich es wirklich erlebt habe. Oder ich vergesse das sofort wieder. Das kann auch sein.

Mondkalb: Sie schreiben in Ihrem zuletzt erschienenen Buch, dass Ihnen am meisten aufstoßen würde, dass Scham einsam macht. Warum muss man sich gerade, wenn man eine Behinderung hat, die sichtbar ist, so oft mit Gefühlen wie Scham oder Mitleid auseinandersetzen?

Dorner: Wenn ich das wüsste. Ich glaube, es hängt schon immer mit dem Thema Autonomie zusammen. Man verliert mit der Behinderung irgendwie Autonomie und mit diesem Verlust kommen ganz viele Fragen von Scham auf und Mitleid und um Hilfe bitten und so – und ab da ist man mittendrin.
Mondkalb: Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, sich dem Gefühl der Scham beziehungsweise des Mitleids zu stellen oder es auch zu ignorieren, wenn man eine Behinderung hat?
Dorner: Ich will niemandem irgendetwas vorschreiben. Ich finde, wenn jemand etwas ignorieren will, ist das völlig legitim. Mir hat das geholfen, mich dem eher zu stellen und für mich das zu benennen und eine Sprache dafür zu finden. Aber jeder, der es anders macht, der soll es auch anders machen.

Mondkalb: Wie kann man Scham und Mitleid abtrainieren?
Dorner: Das ist genau dieselbe Antwort. Ich weiß gar nicht, ob ich sie abtrainieren möchte – mir nicht und anderen Leuten erst recht nicht, weil ich finde, das wäre eine Anmaßung, sich da drüber zu stellen und zu sagen: Du musst dir das so und so abgewöhnen.

Mondkalb: Wie ist das für Sie wenn Sie mitkriegen, dass sich Andere für Sie schämen, für Ihre Art zu gehen etc.?
Dorner: Wenn sich Andere für mich schämen, dann ist das deren Problem.

Mondkalb: Sind Sie der Meinung, dass sich zu schämen unmittelbar mit dem Gefühl, dass etwas nicht der Norm entspricht, zusammenhängt und warum ist das so?
Dorner: Da kommt mal wieder das mit den Normen. Alles, was nicht normgemäß ist, da liegt Scham dann immer nahe. Zumindest bei den eigenen Normen.
Ich glaube, das ist der Ausgangspunkt, dass da irgendwann so ein Kurzschluss passiert. Ich habe das irgendwann mal versucht zu beschreiben, dass da so ein Kabel ist, da fließt Energie durch und irgendwann gibt es einen Kurzschluss, dann kommt Scham.

Mondkalb: An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit bzw. was kann man als Nächstes von Ihnen erwarten?
Dorner: Wahrscheinlich lese ich nächstes Jahr ein Buch über meine Heimat Bayern und dann schreibe ich einen Roman.
Interview: Marie Gronwald

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Mondkalb Interview: „Ein juter Mensch – einfach ausgedrückt“

Interview mit J, einem Callboy, der behinderten Frauen seine Dienste anbietet

Mondkalb: Wie bist du zu deinem Job als Callboy gekommen?
J: Ich hatte ne Annonce als Callboy in der „Tip“ und da kamen ne Menge Frauen auf mich zu und da habe ich gemerkt, dass das nicht meine Welt ist. Die hatten Wünsche und Vorstellungen, die ich nicht gut finde. Da habe ich die Anzeige fallen gelassen. Zwei, drei Monate später hat M. mich angerufen und hat mich gefragt, ob ich schon mal über Arbeit mit Behinderten nachgedacht habe. Ich hab mich mit ihm getroffen und hab mir darüber Gedanken gemacht und fand det allet super jut, moralisch einwandfrei. Ja, so bin ich da ran gekommen.Mondkalb: Wie kann man Kontakt zu dir aufnehmen?
J: Bei M. ist ein Anrufbeantworter eingerichtet, da kann man eine Nachricht und seine Telefonnummer hinterlassen (030-68237422). Dann rufe ich zurück. Dann machen wir einen Termin aus. Der Termin ist unentgeltlich. Man trifft sich erstmal, wechselt ein paar Worte, wenn möglich. Oder man berührt sich und schaut, wie man sich dabei fühlt. Und dann hat die Frau auch die Wahl ob se sich dann irgendwie gut dabei fühlt oder nicht. Und dann kommt noch mal ein Anruf auf den Anrufbeantworter und dann macht man einen Termin aus.Mondkalb: Wie laufen deine „Sitzungen“ ab?
Ich muss dazu sagen, die meisten wollen, dass ich mit ihnen schlafe. Das mach ich nicht. Und dann gibt es Menschen, die wollen, dass ich grob bin. Ich hab irgendwie festgestellt, dass es wichtig ist, dass ich Distanz halte. Ja. Weil sonst kommt das Problem, „also ich hätt dich gern zum Freund.“ Und deswegen gibt’s meine Telefonnummer nicht, weil der Ein oder Andere hat dann Lust, mich zweimal am Tag anzurufen und möchte mit mir übers Leben reden und da halt ich mich natürlich bedeckt. Also ich bin nicht bereit, den Freund zu ersetzen. Also was ich mache: Ich mach erotische Massagen, arbeite mit Werkzeugen, also mit Vibratoren und Dildo. Mit Ölen arbeite ich, schön lecker. Sowas in der Richtung.

Mondkalb: Kein Sex?
J: Keine Penetration.

Mondkalb: Macht es für dich einen Unterschied, ob du mit einer behinderten oder nicht behinderten Frau arbeitest?
J: Also, ob die behindert ist oder nicht, das macht für mich keinen Unterschied.
Also, ich muss dazu sagen, ich halt mich da emotional raus. Ich verrichte meinen Dienst nicht für mich, sondern da geht’s dann um den Menschen, der dann schöne Gefühle haben will, der Sexualität spüren möchte. Das ist nicht meine Sache. Meine Sexualität lass ich da außen vor. Es gibt auch keine Erregung in mir. Also, ich bin auch nicht gleichgültig. Ich bin den Menschen gegenüber einfach gut eingestellt.

Mondkalb: Bereitest du dich auf die Behinderung deiner Kundin vor? Zum Beispiel eine Frau, die eine Querschnittslähmung hat, da muss man doch vermutlich ganz anders herangehen, weil die ja ab einem gewissen Punkt körperliche Berührungen nicht merkt. Oder eine Frau die eine Spastik hat. Da kannst du einen Spasmus auslösen, wenn du das Falsche mit ihr machst…
J: Also, ich nehm ja den Menschen wahr. Wenn ich jemand berühre, dann spür ich ja, was kommt… Wenn ich den Kopf anfasse oder die Hände oder die Brust oder die Beine oder wie auch immer, kommt ja was zurück. Ja. Und dementsprechend entwickelt sich der Kontakt weiter. Also, ich hab da keine vorgefertigten Muster, sondern von Mensch zu Mensch individuell.
Mondkalb: Wie verläuft dein Vorbereitungsgespräch?
J: Wie gesagt, unentgeltlich, wo man sich austauschen kann, wo man grundlegende Sachen abklärt, wo man halt schaut, wie sich die Sache anfühlt. Geht es oder passt‘s nicht zusammen. Ja. So.

Mondkalb: Gibt es außer dir noch andere Callboys, die diesen Dienst anbieten?
J: Die denselben Dienst anbieten? Kenn ich nicht.
Also, ich denke, mit den Jahren hat sich bei mir so… also ich bin auch noch Lebensberater… Und mit den Jahren hat sich bei mir gezeigt, dass ich sozial veranlagt bin. Zu Menschen gut gesinnt, sach ich mal. Also, die Leute sagen zu mir, ich bin Philantrop, Menschfreund. Die Zeit, wo ich mit dem Milieu Kontakt hatte… Also, da sind ganz andere Energien am Start. Also ich denke die Callboys an sich suchen auch Befriedigung für sich selbst mit. Das ist ja bei mir nicht der Fall.

Mondkalb: Warum arbeitest du als Callboy?
J: Also, ich glaube in Holland und in England wird das ja von der Krankenkasse finanziert, und ich denke, das ist ein ganz normales Grundbedürfnis vom Menschen, Sexualität zu erleben und ich hab mich damals nur gefragt, warum ist das hier nicht so? Also, hier kümmert sich ja nicht wirklich jemand… Es gibt Gespräche ohne Ende… Aber dass man das mal in die Tat umsetzt… Dann kann man dann halt nur mit dem Milieu Kontakt aufnehmen. Weiß ich nicht, ob das für jeden Menschen so das Richtige ist. Da fehlt mir so ein bisschen das saubere Miteinander. Die emotionale Ehrlichkeit. Is mir zu abgedroschen. Da dachte ich mir, da kann man doch… Da fühl ich mich doch ganz gut für, weil ich mich da eben nicht so abgedroschen fühle.

Mondkalb: Wie lange arbeitest du schon als Callboy?
J: Das vierte Jahr.

Mondkalb: Weiß dein Umfeld, was du machst?
J: Ja. Die finden das alles sehr gut. Die freun sich, dass ich so bin. Ja. Die fragen sich dann zum Beispiel, wie ich damit klarkomme oder was ich mir dabei denke? Aber womit soll ich da klarkommen oder was soll ich mir da denken? Für mich gibt’s da nix zu denken. Für mich gibt’s da auch nichts, womit ich da klarkommen müsste. Manche glauben von sich selbst, sie könnten das nicht.

Mondkalb: Was heißt es für dich, deinen Job auszuüben?
J: Ein juter Mensch. Einfach ausgedrückt.

Mondkalb: Haben deine Kundinnen Angst vor körperlicher Nähe? Und wenn ja, wie versuchst du die abzubauen?
J: Also, ich sorge erstmal dafür, dass es einen energetischen Fluss gibt. Also Hände berühren. Sexualität erstmal in Ruhe lassen. Ich bin da energetisch veranlagt. Ich denke, das hat was mit Schwingung zu tun. Ängste kann man abbauen, indem man entspannt bleibt, indem man nichts will. Wenn ich merke, dass der Mensch sich zu macht – das ist eine große Energie, die merkt man –, dann lässt man das auch erstmal. Dann kann man ein paar Worte wechseln… „Vielleicht brechen wir lieber ab für heute…“, wie auch immer.

Mondkalb: Du redest mit deinen Kundinnen vorher?
J: Ja, Grundlage. Aber ich hatte auch schon mit Menschen Kontakt, die nicht sprechen konnten und die auch nicht schreiben konnten.

Mondkalb: Und wie läuft das ab?
J: Rein auf emotionaler Ebene: Kontakt aufnehmen, spüren, Ablehnung, Anziehung. Man merkt ja: Ja oder Nein… Das kann man spüren.

Mondkalb: Was kostet dein Dienst?
J: Mit meinem Preis bin ich noch nicht ganz glücklich. Also, ich bin jetzt momentan bei ner Stunde 50 Euro. Und ich glaub, da bin ich unter meinem Wert. Aber das ist erstmal mein Preis.

Mondkalb: In Deutschland wird das nicht von den Kassen gezahlt…
J: Ich denke, da gibt’s noch ne Menge zu tun hier. Ich wünsch mir da manchmal ne Organisation von Männern, wo ich dann sagen würde, nehmen wir das doch mal unter die Lupe…
Interview: Marie Gronwald

http://awan.awan.de/mondkalb2/index.php?id=41

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Mondkalb: Eine Decke über die Füße legen…

Peter Radtke über seine Arbeit als Schauspieler und Schriftsteller

Mondkalb: Was wollten Sie als Kind werden und warum wollten Sie das werden?
Radtke: Lokomotivführer oder Trambahnfahrer. Vielleicht, weil man mobil ist.

Mondkalb: Wie definieren Sie Behinderung?
Radtke: Abweichen von der gewohnten Norm und dadurch häufig Objekt der Stigmatisierung.

Mondkalb: Welche Erfahrungen haben Sie bezüglich Ihrer Behinderung in Ihrer Ausbildung und in Ihren Anfängen als Schauspieler gemacht?
Radtke: Ich kam bis zu meiner Promotion, weil ich mangels Berufsmöglichkeit
immer weiter lernen musste. Als Mensch mit einer Behinderung, der Theater spielen wollte, gab es keine professionelle Ausbildung.

Mondkalb: Sie sind Schauspieler und Autor. Können Sie als Schauspieler etwas ausleben, was Sie als Autor nicht ausleben können und umgekehrt?
Radtke: Das Schauspielen und das Schreiben ergänzen sich ideal. Da man als behinderter Schauspieler nicht genügend Einsatzmöglichkeiten hat, kann man die „Durststrecke“ mit Schreiben ausfüllen. Im Übrigen will ich nicht etwas ausleben, sondern ich möchte dem Zuschauer etwas vermitteln. Das geschieht im Theaterspiel und/oder im Schreiben.

Mondkalb: Was bedeutet Ihr behinderter Körper für Ihre Arbeit
als Schauspieler?
Radtke: Im Theater spielt das Sehen eine große Rolle. Anders als beim Malen oder Komponieren ist die äußere Erscheinung Teil des kreativen Prozesses. Daher muss man zum eigenen Körper Ja sagen, wenn man auf die Bühne geht.

Mondkalb: Haben Sie das Gefühl, dass sie in Ihrer Arbeit von der Öffentlichkeit eher als Schauspieler und Autor wahrgenommen werden oder als behinderter Mensch, der es geschafft hat, seine Behinderung zu überwinden?
Radtke: Das eine ist vom anderen vermutlich nicht zu trennen. Sicher hat sich das Verhältnis im Laufe der Jahre vom reinen „Behinderten“ zum „Künstler mit Behinderung“ verschoben, doch wird Behinderung sicher niemals völlig ausgeklammert werden (was ich im Übrigen nicht schlimm finde, weil ich Behinderung ja bewusst als künstlerische Qualität einbringen will).

Mondkalb: Sie haben die Arbeitsgemeinschaft „Behinderung in den Medien“ gegründet. Hat sich das Bild von Behinderung von der Gründung bis heute in der Medienlandschaft gewandelt? Und wie?
Radtke: Vor 24 Jahren war es fast unvorstellbar, dass Menschen mit einer Behinderung vor der Kamera agierten. Heute ist es zwar noch immer nicht gang und gäbe, aber immer häufiger treffen wir am Bildschirm auf Betroffene, und dies nicht nur in Reportagen (siehe „Marienhof“, „Bobby“ etc.). Auch hätte man vor etlichen Jahren nicht geglaubt, dass Menschen mit einer Behinderung und ihre Organisationen ein akzeptiertes Programm im privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehen gestalten könnten.

Mondkalb: Sind Sie der Meinung, dass sich ein Mensch mit einer Behinderung immer ein bisschen mehr anstrengen muss, ein bisschen besser oder besonderer sein muss, um in einem „nicht behinderten“ Beruf Anerkennung oder Lob zu bekommen?
Oder ist es so, dass man durch die Behinderung generell einen ‚Behindertenbonus’ hat?
Radtke: Beides ist richtig. Um sich durchzusetzen, muss man mehr können und sich stärker anstrengen als so genannte Nichtbehinderte. Andererseits hat man gewisse Vorteile, wenn ein Regisseur die Rolle mit einem behinderten Darsteller besetzen will, weil man nicht ersetzbar ist. Dennoch wiegt dieser zweite Aspekt sicher nicht so
schwer wie der erste.

Mondkalb: Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?
Radtke: Als ich nach meinem Studium eineinhalb Jahre arbeitslos war, bedeutete mir Arbeit sehr viel. Inzwischen habe ich bewiesen, dass ich es mit jedem Menschen ohne Behinderung aufnehmen kann. Daher spielt Arbeit heute für mich nicht mehr die Rolle, um mich zu beweisen. Doch ist mir wichtig, etwas Sinnvolles zu leisten (was nicht unbedingt mit dem herkömmlichen Begriff der Arbeit gleichzusetzen
ist).

Mondkalb: Welche Ratschläge und Tipps haben Sie im Verlauf Ihrer Karriere bezüglich Ihrer Behinderung erhalten und welche davon würden Sie weitergeben?
Radtke: Ich sollte eine Decke über meine Füße legen, um die Umgebung
nicht zu schockieren. (Diesen Rat werde ich bestimmt nicht an andere weiter
geben !!!) Hingegen kam ein sinnvoller Tipp von einem Pfarrer. Er meinte, jeder Mensch habe Pfunde, mit denen er wuchern müsse. Auch Menschen mit Behinderung haben solche Pfunde, die kein anderer hat. Wenn sie sie einsetzen, helfen sie nicht nur anderen, sondern sie gewinnen auch Selbstbewusstsein.

Veröffentlichungen (Auswahl)
„Ein halbes Leben aus Glas“, München (Autobiographie), 1985
„M – wie Tabori; Erfahrungen eines behinderten Schauspielers“, Zürich 1987, München 1990
„Hermann und Benedikt oder Das Brot teilen“ (Theaterstück), Frankfurt/M. 1990
„Die Stunde der Viper“ (Hörspiel), Frankfurt/M. 1991
„Karriere mit 99 Brüchen“ (Autobiographie), Freiburg 1994
„Der Sinn des Lebens ist gelebt zu werden“ (Aufsätze und Referate), München 2007

Weitere Informationen:
http://www.peter-radtke.de und
http://www.abm-medien.de
Marie Gronwald

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