Beifall als Währung

Seit beinahe zwei Jahrzehnten finden in Deutschland Poetry Slams statt. Der Szene pauschal Verflachung vorzuwerfen, wäre falsch.

VON MARIE GRONWALD

Die Schlange vor dem Club reicht über den Hof auf die Straße. Einige werden auch heute draußen bleiben müssen, sagt der Veranstalter. Der Bastardslam im Berliner »Ritter Butzke« ist seit langem eine Institution der Poetry-Slam-Szene. Seit 1994 findet er in wechselnden Locations statt und hat sich für manchen als Sprungbrett erwiesen.

Auch Julian Heuns Karriere hat hier begonnen, 2007 wurde er auf den Bastardslam aufmerksam und kann mittlerweile von seiner Kunst leben. Er reist herum, moderiert, trägt Texte vor und gehört zu den bekannten Gesichtern der Szene. Den Ursprung des Poetry Slams in Chicago, als der Poet Marc Kelly Smith 1986 die Bühne betrat, hat er ebenso wenig miterlebt wie die Popularisierung der Bühnenkunst in Deutschland Mitte der neunziger Jahre. Heun ist heute 25 Jahre alt – zweimal wurde er Vizeweltmeister im Poetry Slam, zweimal hat er die seit 1997 ausgerichteten deutschsprachigen Meisterschaften gewonnen. Ein Buch von ihm ist erschienen, das nächste in Arbeit.
Mit dem Problem, »etwas eigenes« auf die Bühne zu bringen, obgleich alles auf eine Art irgendwo schon einmal gesagt wurde, kann er leben: »Ich habe das Gefühl, dass ich ab und zu das Gefühl haben kann, etwas zu sagen, das noch nicht gesagt wurde«, sagt er und lacht. Politik? Ja, Politik sei durchaus ein Thema für ihn. Jedoch müsse man bei politischen Geschehnissen immer genau abwägen, wie man sie künstlerisch auf interessante Weise bearbeiten könne.

Auch Theresa Hahl aus Marburg ist erst 25 Jahre alt, an Poetry Slams nimmt sie teil, seit sie 19 ist. Neben Julius Fischer, Sebastian23 und Philipp Scharrenberg ist sie eine der Protagonistinnen in »Dichter und Kämpfer« (2012), einem Dokumentarfilm über die deutsche Szene. Hahl arbeitet interdisziplinär mit anderen Künstlern zusammen, bereitet Texte für die Theaterbühne auf und gibt Schreibworkshops. Eine Tätigkeit, die ihr mindestens so viel bedeutet wie das Verfassen ihrer Texte selbst. Ihre Darbietungen verfehlen ihre Wirkung nicht. So erzählt Hahl von einer Frau, die sich nach einem ihrer Auftritte bei ihr bedankte. Hahls Texte hätten sie durch die wichtigen Momente ihrer Biographie begleitet, die Geburt ihres Sohnes, ihre Scheidung, den Verlust des Jobs, diverse Umzüge – sie seien eine Konstante in ihrem Leben geworden. Hahls Texte sind alltagsphilosophisch, genauso wichtig seien aber politische Themen. 2011 ist sie auf dem Demokratiekongress der Grünen in Mainz aufgetreten. Sie habe die Chance genutzt, die Anwesenden auf ihre politischen Fehler der vergangenen zwei Jahrzehnte aufmerksam zu machen. Nein, begeistert waren sie nicht.

Man mag sich fragen, ob Slam Poetry ihre Wirkung nur abseits der klassischen Clubveranstaltungen entfalten kann. Poetry Slams werden schließlich häufig dafür kritisiert, dass die Künstler mit ihren Darbietungen primär auf Zugänglichkeit, Massentauglichkeit und Amüsement abzielen – eine Eigenheit, die letztlich in den Spielregeln festgeschrieben ist: Wenn das Publikum mittels Beifall darüber entscheidet, wer als Gewinner des Abends hervorgeht, geht es dann nicht primär darum, Einverständnis zu erzeugen?

Hahl betont, es gehe ihr nicht darum, mehrheitsfähige Texte zu schreiben. Für sie stehe der Wettbewerb längst nicht mehr im Vordergrund, eine Entwicklung, die sie auch bei anderen Slam-Poeten beobachtet hat. Sie habe schon erlebt, erzählt sie, dass sich die Teilnehmer am Ende des Abends nicht mehr daran erinnern konnten, wer eigentlich gewonnen hatte.

Dennoch habe sich die Szene in den vergangenen Jahren nicht nur zum Positiven entwickelt. Heun bestätigt, dass Poetry Slams immer größer und professioneller geworden sind. Eine Beobachtung, die nicht für die Präsenz gesellschaftskritischer Inhalte spricht. Damit die Szene nicht selbstreferentiell wird, seien die Künstler auf Inspiration von außen angewiesen, sagt Heun. Häufig werden lediglich Stile imitiert, dabei könne man sich beispielsweise vom Theater noch einiges abgucken.

Auch Hahl befürchtet, dass die Kommerzialisierung und die Professionalisierung der Szene sich auf die Qualität der Texte auswirken. Ihr zufolge werde der Poetry Slam in Deutschland immer mehr zu einer Comedy-Veranstaltung. Dagegen könne man nur eines tun, »einfach nicht aufgeben, sondern weitermachen«. Weiterschreiben, wendig sein: »Vielleicht geht man ja verloren in jeder banalen Begegnung, doch verlorengehen ist immerhin eine Art der Bewegung.«

Der Bastardslam ist an diesem kalten Januar­abend von Vielfalt und sprachlicher Kunstfertigkeit geprägt. Es geht darum, sich über Kunst, Geschichten und Gedanken auszutauschen und sich auf unterschiedliche Stile, Klänge und Rhythmen einzulassen. Spektakel und Selbstdarstellung haben eine untergeordnete Bedeutung.
Jungle World Nr.6, 05. Februar 2015

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Versöhnlich

ICH−AG VON MARIE GRONWALD

Der ehemalige Leiter der weißen Todesschwadronen des südafrikanischen Apartheid-Regimes, Eugene de Kock, soll überraschenderweise nach mehr als 20 Jahren Gefängnis auf Bewährung entlassen werden. De Kock ließ Menschen exekutieren und hauptsächlich schwarze Anti-Apartheids-Kämpfer des African National Congress (ANC) inhaftieren. Dafür wurde er 1994 angeklagt und zwei Jahre später zu zweimal lebenslänglich und 212 Jahren Gefängnis verurteilt. Während seiner Haft machte er umfangreiche Aussagen über das Vorgehen der weißen Todesschwadronen und belastete einige führende Politiker des Regimes, darunter Frederik Willem de Klerk. De Klerk war Präsident und ist Träger des Friedensnobelpreises. De Kock berichtete davon, dass er gegen Ende der Apartheid mit seiner Einheit dafür eingesetzt worden sei, die von Nelson Mandela und seiner Partei ANC eingeleiteten Gespräche zwischen den Bevölkerungsgruppen zu sabotieren. Allein dieser Konflikt forderte mehr als 15 000 Opfer.
Der Grund für die Begnadigung de Kocks sei der Wunsch nach Versöhnung und Staatsbildung, wie Südafrikas Justizminister vergangene Woche mitteilte. Außerdem habe de Kock durch seine Aussagen maßgeblich zur Aufklärung und Verurteilung von Tätern beigetragen. De Kock hat sich nach Angaben von The Independent mit Angehörigen einiger seiner Opfer zu einem Gespräch über Schuld und Vergebung getroffen. Einige Hinterbliebene haben ihm inzwischen vergeben, doch es bleibt abzuwarten, ob die Entscheidung des Justizministers, de Kock freizulassen, so klug war und nicht wieder zu Spannungen führt. Zwar ist die Apartheid längst überwunden, doch die soziale Ungleichheit zwischen weißen und schwarzen Südafrikanern und das Ausmaß an täglicher Gewalt bleiben enorm hoch.
Auch innerhalb der armen schwarzen Bevölkerung nehmen die Konflikte zu. Immer wieder kommt es in Townships zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen Migrantinnen und Migranten aus anderen afrikanischen Ländern und Asien, wie jüngst in Johannesburg. Vielleicht ist diese Gewalt auch eine Fortsetzung des Ausgrenzungsdenkens der Apartheid gegen die nächstschwächere Bevölkerungsgruppe. Ob die Begnadigung eines historisch so belasteten Typen und Massenmörders wie de Kock wirklich dazu beitragen kann, solche mentalen Muster zu überwinden, ist fraglich.
Jungle World Nr. 6, 05. Februar 2015

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Grundeinkommen nur unter Bedingungen

ICH−AG VON MARIE GRONWALD

A. K. Verma, ein indischer Regierungsbeamter, hat das geschafft, was sich viele Menschen mitunter auch hierzulande wünschen: ein Leben ohne lästige oder harte Arbeit. Der Elektroingenieur Verma hat seinen Arbeitsplatz 1990 verlassen und ist nie wieder dorhin zurückgekehrt. Doch seine Freizeit scheint nun vorbei zu sein, vor kurzem wurde er von der indischen Regierung entlassen. Gegen Verma wurde bereits seit 1992 ermittelt, aber er verweigerte jegliche Zusammenarbeit mit den Behörden. Er soll seit 1980 beim Central Works Department beschäftigt gewesen und 1990 sogar zum Executive Engineer aufgestiegen sein. Eine Anfrage wegen Vermas Fernbleiben wurde bereits 1992 gestellt, jedoch begann der formale Entlassungsprozess erst im Jahr 2007. Es vergingen dann noch weitere sieben Jahre, bis die Behörde eine Entscheidung traf und ihn offiziell entlassen konnte.

Medienberichten zufolge stellt die Abwesenheit vom Arbeitsplatz in der öffentlichen Verwaltung Indiens ein erhebliches Problem dar. Ein Bericht aus dem Jahr 2012 kommt sogar zu dem Ergebnis, dass Indiens Beamtinnen und Beamte die Rangliste im »Blaumachen« in ganz Asien anführen. Auch Lehrerinnen und Lehrer sollen in großer Zahl nicht zum Unterricht erscheinen. Im August vergangenen Jahres wurde eine Lehrerin entlassen, die 23 Jahre ihrer 24jährigen Schullaufbahn wegen Krankheit gefehlt hatte. Vielleicht wollte auch sie nur etwas mehr Freizeit. Es bleibt unklar, ob und in welcher Höhe der Ingenieur Verma Gehaltszahungen in seiner »Auszeit« erhalten hat.

In Griechenland wurde 2011 bekannt, dass an 4 500 Beamtinnen und Beamte noch Gehälter überwiesen wurden, obwohl sie schon längst verstorben waren. Das kostete den griechischen Staat jährlich 16 Millionen Euro. Möglich wurde dies durch eine schlampige Buchführung, in den meisten Fällen hatten offenbar Angehörige den Todesfall nicht gemeldet. In vielen Ländern sind die Gehälter der Staatsangestellten aber auch so niedrig, dass sie in einem zweiten Job arbeiten müssen. Der indische Staatsdienst gilt als prestigeträchtig, aber nicht lukrativ. Premierminister Narendra Modi versprach, etwas gegen die hohe Fehlzeitrate zu tun, als er vergangenes Jahr sein Amt antrat. So veranlasste er unangekündigte Besuche in Behörden. Diese Maßnahmen sollen bereits erste Erfolge zeigen, die Zahl der »Müßiggänger« sei deutlich gesunken. Das bedingungslose Grundeinkommen, das Verma sich im Staatsdienst erhofft haben mag, ist eben doch noch an zu viele Bedingungen geknüpft.
Jungle World Nr.3, 15. Januar 2015

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Lehrveranstaltung „Der Mensch mit Behinderung“

12.9.2014 im Sozialpädiatrischen Institut von 16-19 Uhr Lehrveranstaltung; Lesung und Diskussion im Rahmen eines Seminars zur Fortbildung “psychosomatische Erkrankungen” zum Thema “Der Mensch mit Behinderung”. Ort: Hallesches Ufer 32-38, Berlin Kreuzberg.

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Aktion Mensch: Exzellent ausgebildet – exzellent arbeitslos

Ein Jahr auf Jobsuche als Akademikerin mit besonderem Merkmal: Rollstuhlfahrerin

Ich habe mit meinem geisteswissenschaftlichen Studium alle Chancen, auf dem nationalen und sogar internationalen Arbeitsmarkt eine Arbeitsstelle zu finden. Diesen Satz habe ich vor ein paar Tagen mehrmals auf der Abschlussfeier meiner Universität gehört. Vor knapp einem Jahr habe ich meine Abschlussarbeit in Literaturwissenschaft abgegeben. Ein paar Wochen später meine Abschlussurkunde für mein sehr gutes Masterstudium in die Hand, bzw. per Post bekommen – seitdem schreibe ich Bewerbungen.

Ich habe schon viel gemacht. Viele ehrenamtliche Projekte gehabt, eine Zeitung mit herausgebracht, mache ehrenamtlich Pressearbeit bei einem Filmfestprojekt, verfüge also über einige berufliche Erfahrungen. Ich suche mir Stellen im Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Als Deutschlehrerin oder bei einem Verlag. Ich schreibe Bewerbungen und stelle meinen Rollstuhl und meine Assistenzsituation ausführlich, aber positiv dar. Ich verkaufe sie als Vorteil. Durch die Assistenzhabe ich gelernt, mit vielen Menschen und Situationen spontan umgehen zu können. Alle, denen ich meine Bewerbungen zeige, loben mich dafür, sehen keinen Fehler und wollen nichts verbessern. Auch nicht beim Jobcenter oder bei der Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung.

Aber woran liegt es dann, dass ich fast 100 Bewerbungen geschrieben habe und kaum Reaktionen bekomme? An meinem Studienfach? Es gibt viele Leute, die Germanistik oder eine andere Geisteswissenschaft studiert haben. Und es gibt wenigJobs. Und diese wenigen Jobs mit jemandem zu besetzen, der im Rollstuhl sitzt und Assistenz braucht, ist wahrscheinlich in den meisten Büros, in denen das entschieden wird, keine Möglichkeit. Dann doch lieber zum Stapel greifen und die nächste Bewerbung und das nächste Foto anschauen.

Flexibilität – Spontanität – Kreativität

Ich habe mich bei einer bekannten Jobbörse im Internet angemeldet, und sie suchen die von mir angegebenen Stellen, Öffentlichkeitsarbeit, Journalismus, Deutschlehrerin, Verlagswesen und Lektorat für mich heraus. In den meisten Ausschreibungen steht unter „ihre Eigenschaften“ oder „Was Sie mitbringen“: Sie sind teamorientiert, kreativ, eigenverantwortlich und spontan, dann sind Sie bei uns genau richtig.“ Ich kann diese Eigenschaften auf mich beziehen, habe wie gesagt schon an einigen Projekten mitgearbeitet und kann gerade auch durch mein Leben mit Assistenz, also mit den unterschiedlichsten Menschen, nach meiner eigenen Einschätzung gut, flexibel und spontan mit vielen Situationen und Menschen umgehen. Bei einer Firma, die jemand für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit suchte, habe ich angerufen, um zu fragen, ob sie einen Fahrstuhl haben oder gar ebenerdig sind. Die direkte Frage: „Ich sitze im Rollstuhl, ist das ein Problem?“ Habe ich abgeändert, nachdem ich häufiger in der Leitung nur noch Schweigen gehört habe. Diese Frau am Telefon schwieg auch. Solange, dass ich meine Frage wiederholt habe. Als sie immer noch schwieg, habe ich die Frage geändert und den Problemsatz gesagt, also: Ist das mit dem Rollstuhl ein Problem? Sie räusperte sich und fragte mich, ob ich denn die Stellenausschreibung nicht gelesen hätte; ich müsse doch spontan, flexibel und kreativ sein. Ich sagte ihr, dass sei ich in meinem Kopf sogar sehr. Und mit der Hilfe meiner Assistenten weitgehend auch körperlich. Sie schwieg wieder. „Aber Sie müssen viel reisen, viel unterwegs sein, in Hotels und so. Und das ist schwierig in Ihrer Situation“, sagte sie und beendete das Gespräch.

Rollstuhl und Arbeit = Arbeit und Ehrenamt?

Auf die meisten meiner Bewerbungen bekomme ich keine Antwort, noch nicht mal eine Absage. Das ist normal, sagen meine Freunde, die keine Behinderung haben. Sie machen gerade ein unbezahltes Praktikum oder jobben, bis sie was Richtiges gefunden haben. Aber auch diese Möglichkeiten sind schwierig für mich. Ich habe mich auch für Praktika beworben, für viele sogar, aber auch da werde ich oft nicht für die dritte Runde, in der man die Bewerber einlädt, die man interessant findet, ausgewählt. Ich habe mich in meiner Ratlosigkeit und auch ein bisschen aus
Angst vor dem Druck des Jobcenters auch schon eigeninitiativ beworben, das heißt bei Vereinen und Institutionen, die keine Stelle zu besetzen haben.

Ich habe aufgeschrieben, wer ich bin, was ich kann und was ich ihnen anbieten könnte. Vor allem in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Bei einem sozialen Projekt zeigte man sich äußerst begeistert und beeindruckt von meinem Lebenslauf und meiner Eigeninitiative. Man sagte mir, ich könne für den Verein die gesamte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit machen, aber da ich ja so engagiert wäre und der Verein bzw. der Senat kein Geld habe, könnte ich das ja ehrenamtlich machen. Das wäre eine Chance für mich zu zeigen, was ich kann.

Ich brauche keine Chance – ich brauche einen Job!

Dieses Angebot ist nett. Mein Gesprächspartner war nett. Aber es bringt mir kein Geld ein, und es wurde nicht meine Arbeitskraft, sondern nur meine Behinderung und damit auch gleich der Wohltätigkeitsgedanke gesehen. Man tut mir etwas Gutes, gibt mir eine Chance, in dem man mir einen Job anbietet, der nicht bezahlt wird.
Ich will aber kein Versuch sein, kein Projekt, keine Chance, ich möchte zeigen, was ich kann. Ich möchte mit anderen an einem Projekt arbeiten, und ich würde mir wünschen, irgendwann dafür nicht nur Anerkennung in Form von Worten, wie „das ist wirklich ein beeindruckender Lebenslauf, und das trotz ihrer Situation“, sondern Anerkennung für meine Arbeit und irgendwann auch Geld zu bekommen.

Ich weiß nicht, während ich der Abschlussrede des Vorsitzenden der Germanistik an meiner Universität lausche, überlege ich, ob meine momentane Situation, die bloßen drei Einladungen zu Bewerbungsgesprächen, die Standardabsagen von Firmen, wirklich so viel mit meiner Behinderung und meinem Rollstuhl zu tun haben. Denn ich weiß ja nicht, ob all die anderen, die hier sitzen, jetzt schon arbeiten oder genau wie ich Bewerbungen schreiben. Das einzige, was ich weiß: Ich werde weiter suchen, und irgendwann werde ich jemanden finden, der nicht nur den Mut hat, mich zu beschäftigen, sondern der auch erkennt, dass ich, wie mir soeben noch mal gesagt wurde, exzellent ausgebildet bin. Und so lange bin ich wenigstens exzellent arbeitslos.

http://www.aktion-mensch.de/blog/eintrag.php?id=968

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„Sie sitzen ja im Rollstuhl“

Höhen und Tiefen bei der Jobsuche: Marie Gronwald, den Hochschulabschluss in der Tasche, berichtet von ihren Erfahrungen mit einem Berliner Jobcenter.

Wie die Leser dieses Blogs wissen, habe ich im Sommer letzten Jahres mein Masterstudium mit Erfolg abgeschlossen und bin jetzt arbeitssuchend. Für mich stand immer fest, dass ich nach dem Studium arbeiten möchte, sehr gerne im Bereich Journalismus oder Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Das Bezirksamt, das mich bei der Miete meiner rollstuhlfreundlichen Wohnung unterstützte, erinnerte mich daran, mich beim Jobcenter arbeitssuchend zu melden. Dieses tat ich im Juli und bekam darauf hin ein sogenanntes „Arbeitspaket“ zugeschickt und einen Termin zu einem Erstgespräch bei meinem Jobberater.

„Wir müssen prüfen, ob Sie arbeitsfähig sind“

Im September ging ich also zum Erstgespräch mit meinem ausgefüllten Arbeitspaket. Vorher hatte ich aus irgendeinem Grund und einem mulmigen Gefühl schon bei der Beratungshotline des Jobcenter angerufen und versucht, sie auf meine Körperbehinderung und meinen Rollstuhl einzustellen. Aber dort wurde mir nicht richtig zugehört. Man sagte mir, es gibt kein Kästchen auf dem Formular für die Behinderung, und deswegen ist das auch nicht so wichtig. Ich schrieb es trotzdem auf und schickte die Unterlagen in Kopie an das Jobcenter. Meine Erstberaterin tippte in ihren Computer, als wir das Zimmer betraten, dann telefonierte sie und sagte, sie wäre gleich für mich da. Als sie endlich den Blick hob, hatte mir meine Assistentin bereits die Jacke ausgezogen. Sie sah mich an, dann richtete sie ihren Blick auf meine Assistentin. „Sie sitzen ja im Rollstuhl“, sagte sie schließlich. „Das geht nicht“, fuhr sie fort. „Dann müssen wir Sie erst mal zum Arzt schicken. Er muss prüfen, ob Sie in der Lage sind, zu arbeiten“.

„Das ist Vorschrift“

Ich erklärte ihr, dass ich zwei Studiengänge absolviert habe, Philosophie, Germanistik und Literaturwissenschaft, und dass ich neben meinem Studium schon immer ein bisschen als Autorin und Journalistin gearbeitet habe. Sie sagte: „Germanistik, das ist schön. Na ja, aber wir müssen wissen, ob Sie in der Lage sind, zu arbeiten. Das ist Vorschrift.“ Meine Unterlagen und Zeugnisse wollte sie sich erst ansehen, wenn mein Untersuchungsergebnis von dem Arzt positiv bestätigt war. Sie nannte mir eine Adresse, an die ich meinen „Gesundheitsfragebogen“ schicken musste. Der Gesundheitsfragebogen ist ein zehnseitiges Dokument, in dem ich meine gesamte Krankengeschichte offen legen muss und alle Ärzte von der Schweigepflicht, also der Pflicht, keine Einzelheiten zu meinem Gesundheitszustand an Dritte weiter zu geben, entbinden musste. Wenn ich diese Formulare nicht ausfüllen würde, würde ich meiner Mitwirkungspflicht nicht nachkommen und hätte keinen Anspruch auf Unterstützung oder Beratung. Ich füllte also noch am selben Tag den Gesundheitsfragebogen aus, machte eine Kopie und sendete ihn an die Arbeitsagentur, die Adresse, die mir die Beraterin genannt hatte. Zwei Wochen später erhielt ich einen Brief vom Jobcenter, endlich meinen Gesundheitsfragebogen einzureichen. In der Zwischenzeit rief schon meine Krankenkasse an, um sich bei mir nach meinem Status zu erkundigen, denn ich war offiziell keine Studentin mehr und auch nicht beim Jobcenter und der Arbeitsagentur als arbeitssuchend gemeldet.

Direkt nach dem Studium in die Rente?

Ich ging immer wieder zum Jobcenter, und schließlich sagte man mir, ich solle mir doch mal überlegen, Rente zu beantragen in meiner Situation. Dann hätte ich keine Probleme mehr. Rente mit Anfang 30? Nach zehn Jahren Studium und einem sehr guten Studienabschluss? Das konnte ich mir unter gar keinen Umständen vorstellen! Alle meine Freunde machten irgendetwas, und die Vorstellung, in Rente zu gehen, ohne vorher richtig gearbeitet zu haben, war und ist absurd für mich. Die Arbeitsagentur teilte mir schließlich mit, sie sei für mich nicht zuständig. Ich musste wieder zurück zumJobcenter. Mein Gesundheitsfragebogen war in der Zwischenzeit – genauso wie meine positive Einstellung und mein Enthusiasmus – verschwunden. Jetzt waren bereits Wochen vergangen, und noch immer hatte ich nichts; keinen Termin beim Arzt, keine finanzielle Unterstützung und auch keine Beratung. Schließlich ging ich hin und verlangte, einen Behindertenbeauftragten im Jobcenter zu sprechen. Man sagte mir, es gebe keinen. Aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Jede kleine Firma hat inzwischen einen Mitarbeiter für die Belange der Menschen mit Behinderung. Endlich bekam ich einen Namen und einen Termin. De Mann war sympathisch und offen und schaute sich zum ersten Mal meine Unterlagen und das Arbeitspaket an. Er sagte, ich müsse nicht zum Arzt. Denn ich hätte durch mein Studium schon bewiesen, dass ich arbeiten könne.

Miss Marple und Bonbons

Leider folgten diesen Worten keine weiteren Taten. Die Zuständige für die Finanzen bestand weiter auf den Arztbesuch, und der Behindertenbeauftragte war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zu erreichen. Anfang November ging ich schließlich mehr oder weniger verzweifelt und ratlos und mit einem Kontoauszug zum Jobcenter und erklärte, dass ich nicht mehr wisse, wovon ich die nächste Miete bezahlen solle. Ich musste wieder lange warten und landete schließlich bei einer netten Frau im Großraumbüro, die mir Kekse und Bonbons anbot, während sie telefonierte, um meinen Fall zu klären. „Ich bin jetzt Miss Marple für Sie, Frau Gronwald.“ Eine halbe Stunde später hatte sie mit sechs Leuten telefoniert, festgestellt, dass ich arbeitsfähig bin und auch meine Sachbearbeiterin davon überzeugt. Eine Woche später hatte ich wieder Geld auf dem Konto und konnte meine Miete zahlen. Jetzt bewerbe ich mich fleißig mit der Zuversicht, dass ich bald etwas finden werde. Im März läuft mein Antrag auf Unterstützung beim Jobcenter aus. Hoffentlich gerate ich dann wieder an so eine coole Miss Marple.

http://www.aktion-mensch.de/blog/eintrag.php?id=869

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Aktion Mensch Blogbeitrag Steckenbleiben, Stufen und Seniorenheim

Marie Gronwald auf Wohnungssuche mit dem Rollstuhl

Ich lebe in meiner eigenen Wohnung, habe Assistenz und kümmere mich selbst um meine Belange und um den Haushalt. Natürlich mit der Unterstützung von Assistenten. Für mich war es bei der Wohnungssuche wichtig, zu entscheiden und zu wissen, dass ich alleine und selbstständig leben möchte.

Weiterlesen: http://www.aktion-mensch.de/blog/eintrag.php?id=846

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